Ein Unternehmen, dazu ein Software-Entwickler, plädiert für mehr Empathie und Emotionalität statt für mehr Maschinen und Rationalisierung in der Wirtschaft. Lars-Thorsten Sudmann sieht die Entschleunigung der Arbeitswelt als eine der wichtigsten Maßnahmen, um die Herausforderungen der Digitalisierung begegnen zu können.

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Lars-Thorsten Sudmann ist ein ruhiger Mensch. Wenn er spricht, ist seine Stimme im Raum präsent, aber eben nicht aufdringlich. Mit ähnlicher Gelassenheit geht er an seine Aufgaben als Unternehmer heran. “Probleme sind für mich keine Probleme, sondern Aufgabenstellungen, die man lösen muss”, sagt er im Gespräch mit forgsight.com. Was sich bei anderen wie floskelhaftes „Manager-Sprech“ anhört, ist bei Sudmann echt. Auch dann, wenn er sagt: “Ich kenne keine Widerstände. Ich kenne nur Entwicklungssprünge.”

Zeit seines Lebens war Lars-Thorsten Sudmann nichts anderes als Unternehmer. “Nur ein einziges Mal habe ich einen Arbeitsvertrag unterschrieben, und das war auch der Letzte”, berichtet er. Nach dem Abschluss seiner Ausbildung als Elektroniker, nahm er ein Studium an der FH Dortmund auf. Eigentlich war er bereits zu diesem Zeitpunkt Unternehmer. Mit 19 hat er sich erstmals selbständig gemacht. 

Seitdem musste er seine Geschäftsmodelle immer wieder weiterentwickeln und teilweise sogar neu erfinden. Sudmann ist von der Elektronik-Branche, in die Maschinenbau-Branche und von dort in die Internet-Branche “reingerutscht”, wie er es selber beschreibt. Blickt man auf sein Wirken zurück, dann ist nicht “reingerutscht” sondern “hineingewachsen” das Wort, das seinen Werdegang beschreibt.

Vielleicht genau wegen diesem Werdegang macht er heute das, was er unter dem Firmennamen “bloola – less clicks, more life” macht: entschleunigen, Komplexität reduzieren, Menschen entlasten und sie befähigen, sich auf die momentanen Aufgaben zu fokussieren. Gemeinsam mit seinen 15 Mitarbeitern entwickelte Sudmann eine Software, die Nutzer helfen soll, die Kontrolle über ihr Digitalleben wiederzuerlangen. Er kämpft gegen den „Information-Overkill“ einer digitalisierten Arbeitswelt – geflutet mit Emails, Chats, Clouds, Verzeichnissen, Informationen, Dateien und anderen Applikationen und Informationen.

Credit: futureorg Institut/forgsight.com

Lars-Thorsten Sudmann ist Geschäftsführer der bloola GmbH & Co. KG. „Bloola“ ist auch der Name der Allround-Software, die innerhalb von Unternehmen die „organisierte Zusammenarbeit“ von allen Beschäftigten ermöglicht. Mehr Info: www.bloola.com

Mensch nicht in Konkurrenz zu Maschinen stellen

In Anbetracht dessen ist seine ruhige Art seine Stärke, vielleicht sogar die beste Empfehlung für bloola. Im Gespräch mit forgsight.com geht es vor allem um den Platz des Menschen in einer Arbeitswelt, die durch Maschinen fortlaufend rationalisiert wird. Mittelständischen Unternehmen empfiehlt er “wertschätzende Führungskultur”, um sich beim Kampf um die Talente von den Großunternehmen abzugrenzen. “Dabei sollten sie darauf achten,  Menschen nicht in Konkurrenz zu Maschinen zu stellen”, führt er im Gespräch aus. Empathie und Emotionalität sieht er als Voraussetzung für die digitale Arbeitswelt an.

 

Was ist der wichtigste Unterschied zwischen der Arbeitswelt vor 20 Jahren und heute?

Einen wesentlichen Unterschied sehe ich in der extrem angestiegenen Zahl von Interaktionen, die ein Mensch heute während der Arbeitszeit bedienen muss. Der Mensch ist dabei mit viel zu vielen Themen konfrontiert, mit denen er sich über die Dauer der Arbeitszeit beschäftigen muss.

Und das war früher anders?

Ja. Die Anforderung, an die sich Beschäftigte in einem Betrieb anpassen müssen, haben sich radikal verändert. Vor allem die Zeiträume für Planungszyklen waren damals viel größer. Heute reichen die Planungen oft bis zum nächsten Monat. Der Intervall, in dem ein Mitarbeiter seine technischen Endgeräte wechselt, ist kürzer geworden – und betrifft eine größere Zahl an Beschäftigten. Die gewachsenen Anforderungen sorgen insgesamt für mehr Stress bei den Menschen in den Betrieben.

Mehr Stress? Man könnte auch allgemein behaupten, dass Menschen, die einer fremdbestimmten Tätigkeit nachgehen, erleben insgesamt Stress?  

Ich gehe sogar einen Schritt weiter: Ich meine nicht nur die abhängigen Tätigkeiten sondern ganz besonders die Informationsmenge und -qualität, die auf einen Menschen in der Arbeitswelt einprasselt.

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Können  Sie da konkreter werden?

Zum Beispiel gibt es heute nicht mehr Kriminalität als vor 20 Jahren. Der Unterschied: im Vergleich zu damals wissen wir – dank Internet und sozialen Medien -, dass es diese Kriminalität gibt. Damit fangen Informationen an, eine Belastung und damit auch zum Stress zu erzeugen. Das ist im Unternehmenskontext ebenso wie im Privaten.

Inzwischen gibt es eine Fülle an Online- und Offline-Tools, die helfen wollen, mit den gewachsenen Informationsmengen umzugehen.

Ja, die gibt es. Ich bin allerdings der Meinung, dass sie ein Teil des Problems sind.

Warum?

Tools wie Slack suggerieren, dass mit ihnen betriebliche Entscheidungen besser und schneller fallen, weil man durch sie einen Teil der informellen Kommunikation bedienen kann, die sonst in Pausen oder in der berühmten Teeküche stattgefunden haben. Dabei vergrößern solche Tools den Druck auf die Nutzer, auf Themen zu reagieren, die für sie nicht relevant sind. Der Preis dafür ist Informationsüberladung. Hinzu kommt, dass nach einem Jahr die Beteiligten gar nicht mehr nachvollziehen könne, wie es zu diesen Entscheidungen  gekommen ist.

Das wiederum kann in der Tat ein gravierendes Problem sein, zumal die mangelnde Dokumentation seit jeher eine Herausforderung für Unternehmen ist.

Ja, das ist auch ein gravierendes Problem. Aus Sicht der Compliance und Governance-Steuerung ist es von erheblicher Bedeutung, dass Entscheidungsfindungsprozesse nachvollziehbar sind. Dies gilt besonders für Führungskräfte, die sich sonst angreifbar machen.

Was ist die Lösung für das grundsätzliche Problem der Informationsüberladung?

Wie man sich denken kann, gibt es nicht die eine Lösung, die alle Probleme aus der Welt schafft. In dieser speziellen Problemstellung muss meiner Meinung nach auf drei Ebenen lösungsorientiert gedacht werden: Kultur, Führung und Technik.

Gut, dann fangen wir mit der Unternehmenskultur an: was muss da passieren?

Veränderung wird immer noch als Bedrohung wahrgenommen. Besonders bei mittelständischen Unternehmen beobachte ich, dass der Wunsch, am Bestehenden festzuhalten, viel stärker ist als die Bereitschaft, Veränderung konstruktiv anzugehen.

Was hat ein Unternehmen davon, wenn es eine erhöhte Veränderungsbereitschaft aufweist?

Dadurch werden Arbeitsinnovationen möglich. Reformen im Betrieb zu etablieren, kann eine besonders schwierige Herausforderung sein. Eine in der Unternehmenskultur verankerte Veränderungsbereitschaft erleichtert die Etablierung von Arbeitsinnovationen. Diese können wesentlich zur Verringerung der Informationsüberladung beitragen und ihren Fokus in den täglichen Aufgaben nicht verlieren.

Was kann eine Führungskraft dabei tun?

Der Führungskraft kommt dabei eine besondere Aufgabe zu, nämlich den Menschen in den Betrieben die Angst vor Veränderungen zu nehmen. Wie sehr die Digitalisierung eine wichtige Zukunftsaufgabe für Unternehmen ist, damit sie ihre Wettbewerbsfähigkeit gewährleisten können, so sehr kann sie den Beschäftigten Angst machen. Zurzeit wissen wir nicht, ob Maschinen jemals Menschen aus den Betrieben verdrängen werden. Aber was man jetzt schon ableiten kann, ist die wachsende Bedeutung von humanzentrierten Arbeitsmethoden und die wachsende Beachtung von Menschenwürde am Arbeitsplatz. Ich möchte es als “wertschätzende Führung” zusammenfassen.

Jeder Gewerkschafter wird sich über diese Aussage freuen.  

Ich denke, nicht nur Gewerkschafter sondern auch Unternehmer und Arbeitgeber werden dieser Aussage zustimmen. Schließlich sind sie sich bewusst, wie wichtig motivierte Mitarbeiter sind. Diese Wertschätzung kann darüber hinaus bei der Rekrutierung von Talenten eine Chance für mittelständische Unternehmen im Wettbewerb mit Großunternehmen sein. Denn Großunternehmen sind durchaus große Bürokratien, die auf Effizienz und Rationalisierung ausgerichtet sind. Wenn Großunternehmen auf Maschinen setzen, können passende Angebote und eine Führungskultur der Wertschätzung die Chance für den Mittelstand sein, begehrte Talente zu überzeugen.

Was ist Ihre konkrete Empfehlung an die Arbeitgeber?

Natürlich müssen Arbeitgeber und Unternehmen Prozesse und Aufgaben rationalisieren, um auf dem Markt wettbewerbsfähig zu bleiben. Parallel dazu sollten sie sich aber die Frage stellen, wie sie ihre Mitarbeiter stärker iim Unternehmen verankern können. Dabei sollten sie achten, dass der Mensch nicht in Konkurrenz zur Maschine gestellt wird. Dafür ist es erheblich von Bedeutung, dass Entscheider im Unternehmen Empathie und Emotionalität der Menschen als Stärke erleben und einsetzen. Überall, wo Menschen mit Menschen in Beziehung eintreten, sind Empathie und Emotionalität wichtige Eigenschaften. Nach außen hin sind es die Kunden, nach innen hinein sind es die Mitarbeiter.   

Jetzt die Ebene der Technologie: wie verhält sich die Technologie dabei?   

Technologie ist nicht der Zweck selbst sondern das Mittel zum Zweck. Und der Zweck ist Entschleunigung. Alle Technologien im Unternehmen müssen auf Entschleunigung ausgerichtet sein. Das heißt wiederum, dass kein Unternehmen auf Maschinen oder Technologien verzichten muss, sondern sie so orchestriert, dass der Mensch im Betrieb nicht mit Informationen überladen wird.

Das bedeutet also: die richtige Information, zur richtigen Zeit bei der richtigen Person?

Ja, genau. Ich denke dabei an Cockpits in Flugzeugen. Die Computer in modernen Flugzeugen sorgen dafür, dass den Piloten nur die relevanten Informationen angezeigt werden: beim Start, beim Flug, bei Störungen und bei der Landung. Alle anderen Informationen und Ablenkungen werden ausgeschaltet. So etwas ist – Im übrigen dank Technologien – auch am Arbeitsplatz möglich. Hier können künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen sehr wichtig für Entschleunigung am Arbeitsplatz werden.  

 

Ich sehe: das ist ein Thema für das nächste Gespräch. Vielen Dank für das Interview, Herr Sudmann!

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