Wie die Türken zu Teetrinkern wurden

Die Türkei und Sri Lanka zählen zu den bedeutendsten Teeanbauregionen der Welt. Und doch war es eher dem Zufall zu verdanken, dass gerade in diesen beiden Ländern der zuvor dominante Kaffee zu Gunsten des Tees an Bedeutung verlor. (Foto: Seren Başoğul)

– von Aylin Öney Tan / DTJ-Online

 

Man mag es kaum glauben, aber dass die Türkei es geschafft hat, zu einer Nation der Teetrinker zu werden, stellt eines der großen Wunder des letzten Jahrhunderts dar. Es ist schwer vorstellbar, dass es noch vor fast 100 Jahren die tulpenförmigen Gläser mit korallenfarbenem, heißen, starken Tee in Anatolien nicht einmal gegeben hatte.

Ich konnte nicht anders als an die Teebauern an den Hügeln des Schwarzen Meeres zu denken, als ich in Sri Lankas Gegend Nuwara Eliya die Straßen hinan kurvte. Wären nicht ab und an Palmen gewesen, die mich daran erinnert hatten, dass ich mich in den Tropen befinde, oder der tiefe Teint der tamilischen Frauen, die durch die Teestauden eilten, ich hätte schwören können, ich wäre nur einen Steinwurf weit entfernt von Rize, dem Epizentrum der türkischen Teeregion. Aber wir waren in Sri Lanka, auf einer Expeditionstour mit einer Gruppe von Reiseführern; ich selbst wollte dabei mehr über Tee und Gewürze erfahren.

Als wir gerade über Tee fachsimpelten, erzählt Sinem Altuner, eine befreundete Reiseführerin, eine Anekdote über ihre Touren in der Türkei. Sie meinte, Touristen zufolge werde die Qualität des Tees immer besser, je weiter in den Süden und Osten man gehe. Einmal fragte eine Touristin den Kellner nach dem Namen jenes Tees, den sie in Van getrunken hatte. Danach suchte sie im Supermarkt nach diesem. Als Sinem die schlecht leserliche Schrift entziffern konnte, wurde deutlich, dass die Rede von „Kaçak Çay“ war – übersetzt heißt das „geschmuggelter Tee“. In der Türkei ist das ein Synonym für „Seylan çayı“, Ceylon-Tee, der immer wieder für seinen starken Geschmack und seine blutrote Farbe gepriesen wird. Der Begriff „geschmuggelt“ verleiht ihm eine eigene Magie; er gibt ihm etwas Mysteriöses, Spannendes und Abenteuerliches, und sogar etwas Filigranes, als er auch noch aus einem fernen Land kommt. Ansonsten wäre es nur ein Glas Tee. Ich kann mir vorstellen, wie stolz der Kellner den Begriff gewählt hat, als er die Herkunft dieses Glases Tee offenbarte, von dem er dachte, dessen Wert sei alleine schon dadurch gestiegen, dass er geschmuggelt worden wäre.

„Glückliche Fügung“ hinter der Entdeckung des Tees

Ich bin mir nicht sicher, ob „Kaçak Çay“, der in der Türkei ausgeschenkt wird, tatsächlich seinen Ursprung in Sri Lanka hat. Aber derjenige, der am ehesten wie der türkische schmeckt, ist in der Tat der Ceylon-Tee. Obwohl in der Türkei viel Tee angebaut wird, ist der türkische allerdings international nicht so bekannt. Es ist aber interessant, zu erfahren, dass der Aufstieg des Teeanbaus in beiden Ländern ähnlich verlief und dass die „Entdeckung“ des Tees in beiden, weit voneinander entfernten, Ländern jeweils ein Akt der glücklichen Fügung war.

Der Oxford Dictionary zufolge ist eine glückliche Fügung „das sich Ereignen oder Entwickeln von Begebenheiten in einer glücklichen und vorteilhaften Art durch Zufall“. Der englische Begriff „Serendipity“ leitet sich auch aus Sri Lanka ab, denn bevor eine seiner Inseln den Namen Ceylon bekam, hieß diese „Serendip“. Im Jahre 1754 verwendete Horace Walpole, ein vieltalentierter und –beschäftigter Mann, Kunsthistoriker, Politiker und Schriftsteller dieses Wort erstmals in einem Brief und nahm dabei Bezug auf das Persische Märchen „Die Drei Prinzen von Serendip“. Für Walpole bezeichnete der Begriff die Sensation, die eine „unerwartete Entdeckung“ mit sich brachte. Dabei spielte er auf die Prinzen an, die „immer Entdeckungen machen, durch Zufall, oder weil sie es herausfordern, und etwas aufstöbern, wonach sie ursprünglich gar nicht gesucht hatten“.

Pilzkrankheit machte dem Kaffee in Sri Lanka den Garaus

Man kann mit Sicherheit sagen, dass weder Sri Lanka noch die Türkei nach Tee gesucht hatten. Es war vielmehr „das sich Ereignen oder Entwickeln von Begebenheiten in einer glücklichen und vorteilhaften Art durch Zufall“ oder einfach „glückliche Fügung“, dass beide nun zu den führenden Tee produzierenden Ländern gehören, mit Sri Lanka an vierter und der Türkei an fünfter Stelle. Zuvor waren beide Länder traditionell Kaffeenationen, Sri Lanka hatte diesen nur produziert und die Türkei nur konsumiert.

Tee ist eines der wichtigsten Produkte Sri Lankas, aber wie in der Türkei ging die Kaffeekultur der anfänglichen Modeerscheinung des Tees auf der Insel voraus. Die große Nachfrage nach Kaffee führte zur Abholzung der Regenwälder und der „Kaffeerausch“ wurde bald durch den „Kaffeebrand“ abgelöst. Eine heimtückische Pilzkrankheit, heute als „vernichtende Emily“, zerstörte weite Teile der Kaffeekulturen. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts kam der Kaffeeanbau zum Erliegen und der Aufstieg des Tees begann.

In Anatolien waren es die mageren finanziellen Möglichkeiten der neu gegründeten türkischen Republik, die es erforderlich machten, den Kaffee durch ein anderes „Nationalgetränk“ zu ersetzen. Nach einer Direktive des Premierministers İsmet İnönü fand der Teeanbau seinen idealen Standort in der Schwarzmeerregion der 1930er-Jahre. Heute ist die Türkei bei Teekonsum pro Kopf weltweit auf Platz drei hinter England und Nordirland. Und mittlerweile teilen sich die Hügel von Nuwara Eliya und Rize ihr Schicksal, das Bild ihrer Landschaft und die großen Frauen, die leise die feinsten Teeblätter pflücken. (Hürriyet Daily News)

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