Überfluss: Entweder Wirtschaftswachstum oder Lebensqualität

Die entwickelten Nationen haben sich an Luxus und Wohlstand gewöhnt. Sie merken nicht, dass mehr Wirtschaftswachstum nicht zu mehr Lebensqualität führt. Dieter Behrendt vom Pestel-Institut erinnert an “Club of Rome” und fordert ein Umdenken. (Foto: Lyza/Flickr)

Sie sitzen im ICE, essen und genießen den Blick aus dem Fenster bei 200 km/h. Sie kennen das und halten es daher für ‚normal‘. Auf dem Weg zu ihrem Sitzplatz fragt ein Fahrgast Sie, wo denn die zweite Klasse ist. Mit dieser Frage konfrontiert der Fahrgast Sie mit dem Unterschied zwischen Wohlstand und Luxus. Bereits der französische Philosoph der Aufklärung Jean Jacque Rosseau erörterte das Verhältnis des “Überflüssigen zum Notwendigen”.

Viele Menschen in Deutschland haben sich an dieses Überflüssige, an den Luxus gewöhnt und glauben, das sei Wohlstand. Tatsächlich ist auch der ICE Luxus. Eine solche Fahrt ist nicht nur Lichtjahre von der Erfahrungswelt anderer Menschen in Indien, Brasilien, Laos oder Zimbabwe entfernt.

Wie viele TV-Geräte besitzen Sie?

Sie ist auch weit entfernt von der Erfahrungswelt vieler Menschen aus dem eigenen Stadtteil. Die Fahrt ist für den Bürger mit Einkommen unter dem Mittelwert nämlich nicht normal. Vielmehr ist sie Luxus. Das Gleiche gilt im Übrigen auch für jedes Kraftfahrzeug oberhalb der Mittelklasse und für Wohnqualität.

Das übliche Maß in Deutschland sind 43 Quadratmeter Wohnfläche pro Kopf. In wieviel Pro-Kopf-Quadratmetern bewohnen Sie? Das übliche Maß in Deutschland sind 1,7 TV-Geräte pro Haushalt. Über wie viele Geräte besitzen Sie? Der Mittelschicht-Bürger hat sich an Luxus gewöhnt, ohne es bemerkt zu haben, weil es eine Welt gibt, die noch luxuriöser ist. Beispiele:

  • Whirlpool “Luxema 8000” für die Terrasse mit Platz für 10-15 Personen, 130 Wasserdüsen, Minibar und Flachbild-TV samt Surround-System (10.05.12 www.stern.de).
  • Ferien-Luxusdomizil ‚Sweet Bocas‘ in Panama für 33.200 € für 4 Tage (ELLE, Mai 2015).
  • Hochzeits- und Party-Insel ‚Velaa Private Island‘ mit 43 Land- und Wasser-Villen, jede mit eigenem Pool und Butler. Das Freizeitangebot umfasst einen 9-Loch-Golfplatz, ein Mini-U-Boot, Spa, Yogatrainer, Sterneköchin. Zu haben ist dieses Angebot für 150.000 €/Woche (VOGUE Juni 2014).
  • Luxus-Segelyacht ‚Vertigo‘ mit einer Vermessung von 67 Metern für 12 Passagiere. Preis 225.000 €/Woche (VOGUE Juni 2014).
  • Zunahme der Nachfrage nach Adelssitzen für die private Nutzung auf ein jährliches Transaktionsvolumen in Deutschland von rund 50 Millionen Euro (FAZ-Online 9.3.2015).
Ein Weiter-so führt zu Revolutionen

Wer will, kann eine direkte Assoziation zum Paris zu Zeiten Ludwig des XVI und seiner Frau Marie Antoinette herstellen: Armut in Paris, Luxus im Schloss von Versailles. Damals führte diese Diskrepanz zur französischen Revolution, heute sieht der ‚Club of Rome‘ für das Jahr 2020 aufgrund derselben Ursache, der zu große und wachsende Unterschied zwischen Arm und Reich, die ersten Revolutionen auch in OECD-Ländern.

Bereits 2013 wurde der wachsende Unterschied zwischen armen und reichen Menschen in einer Studie zum Weltwirtschaftsforum in Davos 2013 weltweit als Hauptrisiko für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung bewertet. Eine erstaunliche Wahl; denn in dieser Studie bewerteten hochrangige Politiker und Wirtschaftslenker die Risiken der weltweiten Entwicklung.

Ist ein weiteres Wirtschaftswachstum nötig?

Und trotz allem stagniert bei wachsendem Bruttoinlandsprodukt die Zufriedenheit der Menschen in Deutschland seit den siebziger Jahren. Zum einen aufgrund dieser Reichtums-Exzesse, zum anderen, weil es zur Natur des Menschen gehört, Angst um den Verlust materieller Güter zu haben, wie psychologische Forschungen zeigen.

Darüber hinaus bewerten immer mehr Menschen ihre Zufriedenheit als weniger gut bis schlecht, weil sie im Verhältnis zum Durchschnittseinkommen arm oder mit rund 900 € monatlichem Netto-Einkommen armutsgefährdet sind.

Die Frage ist nun, warum muss es weiteres Wirtschaftswachstum geben, wenn es die Lebensqualität des Bürgers nicht steigert. Was hat der Bürger von den für das Wachstum aufgenommenen Schulden des Staates, der Bundesländer und der Kommunen? Schulden, die gemacht wurden, damit es den Bürgern besser geht. Da passt etwas nicht. Oder doch?

Über Dieter Behrendt 3 Artikel
Dieter Behrendt ist Diplom-Geograph. Er arbeitet am Eduard Pestel-Institut für Systemforschung und am Ecolog-Institut. Nachhaltigkeitsforschung und –bewertung, Risiko- und Resilienzforschung (Krisenfestigkeit), Politik- und Unternehmensberatung zu Risikomanagement
Kontakt: Webseite

1 Kommentar zu Überfluss: Entweder Wirtschaftswachstum oder Lebensqualität

  1. Hallo Herr Behrendt,

    Im Zusammenhang mit Ihrem Artikel möchte ich auf einer Sendung der ARD vom 15.02.2016 (Die Story) aufmerksam machen, welche Ihre Prognosen für das Kommende nur noch verschärft!

    http://www.ardmediathek.de/tv/Reportage-Dokumentation/Die-Story-im-Ersten-Milliarden-f%C3%BCr-Mill/Das-Erste/Video?documentId=33426796&bcastId=799280

    Es wird allerhöchste Zeit, das Wir den moralisch verwerflichen und dekadenten Superreichen in diesem Land ihre Grenzen aufzeigen. Wer den Staat um Milliarden betrügt soll im Knast verrotten und enteignet werden.

    MFG

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