Warum der Grieche dem Türken voraus ist. Oder: Was hat Liebe mit Erfolg zu tun? (Video)

Foto: YouTube / TEDx

Warum machen manche Nationen einen größeren Fortschritt als andere? Emin Çapa, ein türkischer Journalist, hat in seinem TEDx-Vortrag mit dem Publikum nach Antworten gesucht. Eine Zusammenfassung und Diskussion von Hüseyin Yorulmaz. 

Kennen Sie TEDx? Das ist eine herausragende Veranstaltung, auf der kluge und kreative Köpfe ihre erstaunlichen Entdeckungen, ungewöhnlichen Thesen und abenteuerlichen Unternehmungen einem Publikum vorstellen. Inzwischen ist das Veranstaltungsformat, das seinen Ursprung in den USA hat, ein globales Phänomen geworden. In nahezu allen Ländern der Welt werden unter der Marke “TEDx” Vortragsreihen angeboten – so auch in der Türkei.

In Istanbul hat Emin Çapa, Chef der Wirtschaftsredaktion der CNN TÜRK, einen Vortrag mit dem Titel „Warum hat das Wasser im türkischen Dampfbad keine Auftriebskraft?“ gehalten. Dies ist natürlich eine rhetorische Frage. Türkisches, griechisches oder deutsches Wasser haben dieselben Eigenschaften.

Vielmehr geht es ihm um einen Denkanstoß: Wieso ist es dem griechischen Philosophen und Mathematiker Archimedes gelungen, die Auftriebskraft des Wassers zu entdecken, aber vielen anderen nicht, so zum Beispiel den Türken im Osmanischen Reich, die bekannt waren für ihre Bäder?

Nachdem er auf einen der wichtigsten Wissenschaftler der Antike eingegangen ist, fragt er seinem Publikum, wer der wichtigste Wissenschaftler überhaupt ist, der unsere Welt am stärksten geprägt hat. „Einstein!”, “Da Vinci!“ sind einige Zwischenrufe aus dem Publikum zu hören. Jedoch fällt der Name Isaac Newton nicht, worauf Çapa eigentlich gewartet zu haben scheint. Isaac Newton soll nach dem Propheten Mohammed die prägendste Person unserer Menschheitsgeschichte sein, also noch vor Jesus auf dem dritten Platz, erklärt er dem staunenden Publikum.

Isaac Newton und der fallende Apfel

Wer kennt nicht die Anekdote über Isaac Newton, der im Alter von 23 Jahren in seinem Heimatdorf Woolsthorpe in England zur Mittagszeit unter einem Baum ruht, während dessen ein Apfel vor ihm senkrecht vom Baum fällt, der in ihm die Frage auslöst, warum der Apfel senkrecht und nicht schräg fällt. Oder warum die Sonne und der Mond oben im Himmel bleiben und nicht auf die Erde fallen?

So entdeckt er die Gravitationskraft, die er in jahrelanger Eigenforschung bestätigt und schließlich der Nachwelt als eines der wichtigsten Naturgesetze der Wissenschaft hinterlassen hat.

Erfolg ist wie Liebe

Erneut fragt Çapa dem Publikum mit einem bissigen Sarkasmus, ob denn nur in England die Äpfel von Bäumen fallen. Entscheidend, so Çapa ist nicht der Fall des Apfels an sich gewesen, sondern dass Newton durch diese Beobachtung und die daraus sich ergebenden Fragen etwas festgestellt hat, was Milliarden Menschen vor ihm nicht getan haben.

Doch warum sind es genau Archimedes und Newton gewesen, die diese Entdeckungen gemacht und diese wichtigen Erkenntnisse gewonnen haben? Was hat sie von ihren Mitmenschen unterschieden und welchen Einfluss haben solche Menschen auf ihre Umwelt?

Laut Çapa sind drei Gründe ausschlaggebend gewesen: Erstens, das Individuum muss den Erfolg begehren. Zweitens, er muss für den Erfolg bereit sein. Und drittens, die Umstände müssen stimmen und meint damit die Freiheit in einer Gesellschaft, die einem Individuum ermöglicht, seine Ziele zielstrebig zu verfolgen. Genauso ist es bei der Suche nach der Liebe des Lebens: Nur derjenige, der für sie bereit ist, diese begehrt und zielstrebig verfolgt, wird auch die Liebe seines Lebens finden.

Türkei im internationalen Vergleich

Der innerhalb von den OECD-Ländern durchgeführte Pisa-Test ist einer der wichtigsten Indikatoren für den Vergleich zwischen der Bildungsqualität und -erfolg von Schülern, die wenige Jahre vor Beendigung ihrer schulischen Laufbahn stehen. In diesem internationalen Vergleich schneidet die Türkei in allen drei Bereichen unterdurchschnittlich ab und belegt damit den 45. Rang von 65 Rängen insgesamt.

Ein Land, welches zu den größten zehn Wirtschaftsnationen weltweit gehören möchte wie die Türkei, wird es nicht mit Nachwuchskräften schaffen, die in den Naturwissenschaften nur den 43. Platz bzw. in der Mathematik den 44. Platz von 65 Ländern belegen. Der Grund für dieses Ergebnis seien nicht die getesteten Schüler, so Çapa, sondern das vorliegende „dumme“ Bildungssystem der Türkei. Es sei ein großes Hindernis für den wirtschaftlichen Erfolg der Türkei und wird es in Zukunft auch bleiben, wenn es nicht tiefgreifend reformiert wird.

Dass die Türkei unterhalb seiner Möglichkeiten bleibt, belegt Çapa später in der Entwicklung der Hochtechnologieexporte:

Im Jahr 2000 betrugen diese Exporte der Türkei 1 Milliarde US-Dollar. 2013 wuchsen sie auf 2,2 Milliarden US-Dollar an. Im selben Zeitraum aber haben es Länder wie Südkorea geschafft, bei einem Ausgangswert von 54 Milliarden US-Dollar Hochtechnologieexporte einen Umfang von 130 Milliarden US-Dollar zu erreichen. Ein anderes Beispiel ist Polen. Das osteuropäische Land verbesserte sich im selben Zeitraum von 0,8 auf 12 Milliarden US-Dollar.

Big Data und Wissensboom im 21. Jahrhundert

Çapa führt im letzten Teil seiner Präsentation aus, warum die Wissenschaft heute mehr denn je wichtig ist und wie sich die Wissensakkumulation mit der Zeit verändert hat. Der intergenerative Wissenszuwachs nimmt nicht mehr arithmetisch sondern geometrisch zu. Das unterscheidet die junge Generation von der Vorigen. Die nachfolgenden Generationen werden es ihrerseits von uns tun.

Als Beispiel führt Çapa das Apache-Point-Observatorium an. Die Sternwarte in New Mexico produziert auf dem Gebiet der Astronomie in einem Monat genauso viele Daten wie die gesamte Menschheit zuvor. In zehn Jahren wird sie mehr Daten sammeln als es die gesamte Menschheit zuvor in allen Wissenschaftsbereichen geschafft hat.

Doch dabei bleibt Çapa nicht. Er weist auf das Hitech-Teleskop “Alma” in der Atacama-Wüste Chiles, auf die Visualisierung von Erinnerungen (ein US-amerikanisches Projekt), auf die vollständige Simulation des menschlichen Gehirns (ein milliardenschweres EU-Projekt) oder auf die Entwicklung des 3D-Druckers, der unabhängig von Raum und Zeit die Menschen in die Lage versetzen wird, sich selbst mit Konsumwaren zu versorgen.

Wieso gelingt es, dass einige Menschen unter gleichen Bedingungen eine Erkenntnis machen, die die Welt verändern, und viele andere Menschen wiederum nicht? Wieso schaffen es einige Nationen im selben Zeitraum in Bildung, Forschung und Wirtschaft erfolgreicher zu sein als andere Nationen? Was ist der entscheidende Schlüssel?

Wann haben Sie zuletzt Ihre Regierung zur Rechenschaft gezogen?

Die politischen Rahmenbedingungen, die den Menschen die Fähigkeit vermittelt und dafür die Freiheit gewährt, ihre Neugier und ihren Tatendrang einzusetzen, so Çapa.

Er trägt die letzte Strophe des Gedichts “Es glänzt der Himmel…“ von Paul-Marie Verlaine vor:

Und du dort, der weint bei Tag und Nacht
In schmerzlicher Klage,
O sage mir du dort, wie hast du verbracht
Deine jungen Tage?

Damit fragt er dem Publikum, wann sie als Bürgerinnen und Bürger zuletzt ihre Staatsführung zur Rechenschaft gezogen haben, damit sie sich nach ihren Wünschen und Bedürfnissen richtet. Unabhängig von der jetzigen politischen Führung kritisiert Çapa, dass es nicht den „Bürger“ in der Türkei gäbe, der die Obrigkeit zur Rechenschaft zieht und sein Recht einfordert. Das Volk hat das Recht zu erfahren, wofür seine Steuern tatsächlich verwendet werden.

In seiner Heimat Türkei wird der angekündigte Bau eines heimischen Flugzeugs als Erfolg gefeiert. Genau hier dämpft er aber die Euphorie. Denn das Flugzeug ist keine technische und wissenschaftliche Errungenschaft des 21. Jahrhunderts, sondern des 20. – und zudem auch keine Türkische.

Ein Land, das wirtschaftlich wie politisch zu den führenden Nationen der Welt zählen möchte, wird dies nicht mit einer Bildungspolitik schaffen, die schlicht als eine Katastrophe bezeichnet werden kann. Zudem fehle es in der Türkei an Bewusstsein für Forschung und Wissenschaft. Er fordert zwar dafür mehr Geld für Bildung, Forschung und in die Zukunft der Kinder zu investieren, aber er appelliert, dass am Anfang eines Fortschritt und einer erfolgreichen Nation mündige Bürgerinnen und Bürger stehen, die ihre Rechte und ihre Freiheit einfordern.

Wir benötigen Ihre Hilfe! Gerne möchten wir den Vortrag von Emin Çapa in die deutsche und englische Sprache übersetzen. Hierfür suchen wir Freiwillige. Interessierte können sich unter ksezer@futureorg.de melden.

 

 

Über Hüseyin Yorulmaz 1 Artikel
Hüseyin Yorulmaz, Jg.1991, ist VWL-Student an der Universität Mannheim und Stipendiat der Heinrich-Böll-Stiftung. Zudem ist er Gründer der Bund der Alevitischen Studierenden-Hochschulgruppe Mannheim.

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