Veteranen-Studie: Folgen von Afghanistaneinsatz präsent aber überschaubar

Die geopolitischen Konflikte der vergangenen Dekade haben auch Deutschlands globale militärische Rolle verändert. 2013 gab es 4.400 deutsche Soldaten am Hindukush. Erstmals hat sich nun eine Studie mit den Heimkehrern beschäftigt. ( Foto: rtr)

-von forgsight

Den Begriff des Kriegsveterans hat man im allgemeinen Sprachgebrauch eher in Verbindung gesetzt mit US-amerikanischen Vietnam- oder Korea-Veteranen. Dort oder in Großbritannien gehören Veteranen zum alltäglichen Bild. Es gibt Veteranentage, an denen sie geehrt werden, aber auch kritisiche Debatten hinsichtlich ihrer kriegerischen Handlungen. Die Langzeitfolgen eines Kriegseinsatzes, sowie die gesellschaftliche Integration danach, wurden auch wissenschaftlich verfolgt und erfasst. In der Bundesrepublik Deutschland tut man sich noch schwer mit der öffentlichen Debatte. Vorstöße zur Einführung eines Veteranentages seitens des ehemaligen Bundesministers für Verteidigung, Thomas de Maiziere, wurden auch hierzulande heftig kritisiert.

Die Realität ist jedoch, dass es auch in der Bundesrepublik mehre tausend Veteranen aus Einsätzen in Afghanistan oder im Kosovo gibt. Nun hat die Bundeswehr eine Studie in Auftrag gegeben um den Gemütszustand von Soldaten hinsichtlich Traumata, Familie, Beruf etc. nach der Rückkehr zu ergründen. Die Ergebnisse des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr unter Leitung von Dr. Anja Seiffert wurden nun veröffentlicht. Das Ergebnis dürfte angesichts der 4.400 stationierten deutschen Soldaten hochaus repräsentativ sein, da 4.000 Soldaten befragt wurden und fortlaufend befragt werden.

Angesichts amerikanischer Traumata, wie dem “Golfkriegssyndrom”, einer schweren psychischen Belastung nach den Einsätzen, sind die Ergebnisse der deutschen Langzeitstudie überraschend. Der Großteil der deutschen Veteraninnen und Veteranen käme nach zwei Jahren relativ gut mit den Folgen zurecht, trotz Erfahrungen mit direkter oder indirekter Gewalt. 68% der Befragten gaben an, der Einsatz hätte ihr Selbstbewusstsein wachsen lassen. Dies entspricht in etwa auch der Zahl derjenigen, die sich erneut für einen Einsatz in Afghanistan melden.

Trotzdem veränderte der Einsatz das Leben der überwiegenden Mehrheit der Befragten. Die Ausführenden der Studie bewerten die Resultate jedoch als “positiv”. 56% der Soldaten würden den Wert des eigenen Lebens mehr schätzen als vorher. 41% fühlten sich “psychisch stärker belastbar” und rund zwei Drittel bewerteten die Rückkehr in den Alltag nach zwei Jahren als problemlos. Ein Indikator über die Zuverlässigkeit dieser Aussagen stellen die Partnerschaften dar. Partnerschaften zwischen Veteranen bzw. bestehend aus einem Veteranen erscheinen stabiler als Partnerschaften im Bundesdurchschnitt. 39% bewerten ihre Beziehung als stabiler durch den Auslandseinsatz. Auch die Ehequoten liegen über dem Bundesdurchschnitt. Allerdings beendeten solche Auslandseinsätze auch viele Beziehungen. Hauptgründe sind neben der langen Abwesenheit und Distanz (36%), auch durch die Einsatz verursachten psychischen Traumata (22%). Diese treten nicht nur bei den Veteranen direkt auf, sondern auch bei ihren daheimgebliebenen Partnern. Das Konstrukt der Familie als Ganzes wird jedoch gestärkt. Knapp drei Viertel aller Befragten gaben an, dass Ihnen die Familie nach dem Einsatz wichtiger geworden sei.

Auch wenn diese Zahlen auf den ersten Blick optimistisch wirken, demonstrieren sie, dass Alltag und Krieg zwei verschiedene Dinge sind. 44% gaben an, dass sie über das Erlebte nicht mit ihren Angehörigen sprechen können oder wollen um diese nicht zu belasten. 42% können sogar ausschließlich mit Kameraden, die selbst im Ausland gedient haben darüber reden. Bedenklich stimmt, dass ein Viertel der Befragten die Kriegserlebnisse komplett ignoriert und darüber schweigen. Bei Soldaten ohne direkte Gefechtserlebnisse, die zwar in Afghanistan waren, jedoch in Lazaretten oder in den Lagern tätig waren, sind diese Effekte wesentlich geringer ausgeprägt. Bei ihnen sind es 32%, die mit ihren Angehörigen und Freunden nicht über das Erlebte reden wollen, ein Viertel ausschließlich mit Kameraden und nur 13% verschließen sich komplett.

Weitere Negativfolgen, seien erhöhte Aggression nach der Rückkehr (15%) und Entfremdung (10%). Bis 2016 wird die Bundeswehr ihre Tätigkeit am Hindukush sukzessiv abgebaut haben. (spon/ forgsight)

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