Vertrauen oder Kontrolle: Wem kann man noch vertrauen? (Teil 1)

Vertrauen ist ein unsichtbarer aber wichtiger Bestandteil unseres Zusammenlebens. Dabei wird in der Forschung zwischen zwei Vertrauenskonzepten unterschieden. Sie eignen sich als Indikator für den Gesundheitszustand der Gesellschaft. Ein Beitrag von Fabian Stephany. (Foto: JF 1234)

Mal ehrlich, wem vertrauen Sie heute noch? Der EU? Ihrer Regierung? Den Banken? Der Lebensmittelindustrie? Ihrem Nachbarn? Wer sich intensiver mit dem Thema Vertrauen beschäftigt merkt vor allem drei Dinge. Vertrauen ist ständig am Werk, extrem fragil und schwer nur wieder herzustellen. Es ist ein extrem kostbares aber flüchtiges Schmiermittel in unserer Gesellschaft.

Von ökonomischer Perspektive aus gesehen ermöglicht Vertrauen uns Transaktionen durchzuführen, selbst wenn nur unzureichende Informationen vorliegen. Es überbrückt somit ohne zusätzliche Kosten – und das ist entscheidend – das Risiko der Ungewissheit.

In der Wirtschaft spielt Vertrauen besonders auf den Finanz- und Geldmärkten eine bedeutende Rolle. Keine Währung der Welt funktioniert ohne das Vertrauen aller Akteure darin, auch morgen noch zu stabilen Preisen damit handeln zu können.

Jede Finanzkrise ist auch Vertrauenskrise

„Money is a veil“ – „Geld ist (nur) ein Schleier“, argumentierte John Stuart Mill im Sinne der Abstraktion von realen Gütern. Ohne Vertrauen, fällt der Schleier. Letztendlich ist auch jede Finanzkrise eine Vertrauenskrise. Jeder „Bank-run“ beginnt mit dem Zweifel der Anleger und Investoren, dass die Bank noch ein sicherer Ort für ihr Geld ist.

Fehlt das Vertrauen kann das eine Bank über Nacht in den Ruin stürzen ohne, dass sich in der Realität auf den Depots oder in den Tresorräumen etwas verändert hätte. Ähnliches gilt auch für die Bonität von Staaten.

Der Wert von Staatsanleihen beruht auf dem Vertrauen, dass die Bonität einer Nation auch morgen noch gewährleistet ist. Fehlt diese Zuversicht, beginnt eine Abwärtsspirale an deren Ende der Staatsbankrott stehen kann.

Mehr Innovationen bei hohem Vertrauen

Für wirtschaftliche Transaktionen aller Art ist Vertrauen unabdingbar. Aber auch Staat und Gesellschaft würden ohne ein Mindestmaß an Vertrauen niemals funktionieren. Für viele Vertrauensverhältnisse gibt es in der politischen Ökonomie bereits verlässliche Ergebnisse. Nur wer seiner Administration vertraut, zahlt seine Steuern.

Geringe Wahlbeteiligungen lassen sich schlüssig mit mangelndem Vertrauen in die Politik und ihre Vertreter erklären. Auch die Akzeptanz der EU beruht nachweislich auf dem Vertrauen der Unionsbürger in Brüssel.

Neuere Forschungsergebnisse zeigen zudem, dass in EU Regionen mit bemerkenswert hohem Vertrauen der Wirtschaftsakteure deutlich mehr Innovation stattfindet, es kommt zu vermehrten Anmeldungen von Patenten und Unternehmensgründungen.

Gesellschaftliches Vertrauen als Indikator für eine gesunde Zivilgesellschaft

In der empirischen Sozialforschung kommt Vertrauen eine besondere Rolle zu. Gesellschaftliches oder generelles Vertrauen (engl. generalized trust) dient als Gradmesser für den Gesundheitszustand der zivilen Gesellschaft.

Als einer der ersten hat Harvard Politik- und Sozialwissenschaftler Robert Putnam zu Beginn der 90er Jahre die Theorie des gesellschaftlichen Vertrauens verwendet um abnehmendes gesellschaftliches Engagement in den USA oder das Scheitern von staatlichen Institutionen in Süditalien zu erklären.

Die Theorie unterscheidet zwei Konzepte, neben gesellschaftlichem Vertrauen (gegenüber der Allgemeinheit) führt er partikuläres Vertrauen (gegenüber bestimmten Gruppierungen) an. Empirische Beispiele zeigen, dass sich beide Konzepte zudem gegenseitig ausschließen.

Individuen, die der Gesellschaft als Ganzes in besonderem Maße Vertrauen schenken, zeichnen sich in der Regel durch viele verschiedene Bezugspunkte mit anderen in ihrem Leben aus. Sie fühlen sich vielmehr der Gesellschaft insgesamt zugehörig, als einer bestimmten Gruppe.

Personen hingegen, die großes partikuläres Vertrauen aufweisen, stehen in der Regel in starker Verbindung zu einer bestimmten Gruppe oder Art von Gruppe, mit der sie sich in besonderem Maße identifizieren. In extremen Fällen, geht diese starke einseitige Zugehörigkeit zu einer Gruppierung auch mit einer starken Identifikation mit deren Welt-und Wertevorstellungen einher. In manchen Fällen handelt es sich dabei um radikale Ideen.

Lesen Sie im zweiten Teil über den Vorschlag, ein Monitoring einzurichten, um die Entwicklung der Vertrauenswerte in der EU dauerhaft zu beobachten.

Über Fabian Stephany 2 Artikel
Fabian Stephany hat in Mannheim und Mailand Volkswirtschaftslehre und Soziologie studiert und neben verschiedenen praktischen Erfahrungen als Berater für die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris gearbeitet. Zurzeit arbeitet er für das Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital und promoviert in Cambridge und Wien über die ökonomischen Aspekte von sozialem Kapital und gesellschaftlichem Vertrauen. Weitere Informationen zu seiner Person und Arbeit finden Sie auf seiner persönlichen Website: http://www.fabianstephany.com/
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1 Kommentar zu Vertrauen oder Kontrolle: Wem kann man noch vertrauen? (Teil 1)

  1. Vertrauen muss man sich verdienen. Die Politik hat sich in den vergangenen 30 Jahren redlich bemüht, erst gar kein Vertrauensverhältnis zu den Wählern aufzubauen. Die Banken haben ihren Vertrauensvorschuss durch ihr Verhalten vollends aufgebraucht. Die EU hat es noch nicht geschafft ein Mindestmass an Vertrauen aufzubauen. Alle zusammen haben dafür gesorgt, dass Bürokratie und Kontrolle ein Übermass erreicht haben und die dafür notwendigen Kosten ein vielfaches dessen erreicht haben was nötig wäre.

    Und jetzt sollen Bürokraten Daten erheben, mit dem Ziel den mündigen Bürger so zu manipulieren, dass er wieder Vertrauen in diese durch und durch korrupten Organisationen habe?

    Entschuldigung, aber ich komme mir verarscht vor. Bin ich da wirklich alleine?

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