Wer ist unser Gott heute?

„Um diese Frage zu beantworten, werde ich euch heute die ganze Geschichte unseres Gottes erzählen, die nicht mit unserer Aufklärung endet.“, kündigt unsere Autorin Patrizia Trolese wagemutig ihren heutigen Beitrag an. Provokation, Blasphemie oder doch Moderne?

Abrahamitischer Gott – Es war der Ägypter Echnaton, der den Monotheismus erfand. Inspiriert von dieser Idee, befreite Moses sein Volk aus der altägyptischen Gefangenschaft. Jesus ging einen Schritt weiter. Er wurde Gottes Sohn. Er stellte sich auf eine Stufe mit Gott und säte so den Samen des Individualismus. Mohammed trat einen Schritt zurück. Er degradierte Jesus auf seine Stufe als nur einem Propheten. Aber Mohammed ging auch einen Schritt voran. Er hatte die Idee der Gleichheit aller vor dem Gesetz.

Die folgenden Kalifen retteten das Erbe Aristoteles, der die Empirie und Orientierung an Fakten predigte, vor dem Feuer der Christen, die Platon und seiner Vorstellung von Ideen alleinigen Glauben schenkten. Während dessen lösten Gelehrte wie Ar-Razi oder Ibn Hayyan Gabi im Orient eine kulturelle Explosion aus. Ohne die Muslime wäre das Erbe Aristoteles für immer verloren gegangen.

Später übernahmen mutige Christen wie Kopernikus und Galileo Galilei das Erbe Aristoteles von den Muslimen und hielten ihren Kopf dafür hin, während sie sich am Glauben der traditionellen Christen rieben. Die Ausrichtung an Fakten führte zur Aufklärung. Die Ideen von Moses, Jesus und Mohammed, die der Freiheit, des Individualismus und der Gleichheit, waren schließlich Inspiration für die Kämpfer gegen das absolutistische Regime von Ludwig XVI.

Exakte Wissenschaften – Die Wissenschaften wurden unser neuer Gott, der uns erklärt, wie unsere Welt funktioniert. Aber der Sinn von Gott wurde ein gänzlich anderer: Nicht mehr Dogmen, die für immer wahr sind, sondern die Suche nach der Wahrheit selbst rückte in den Fokus. Das Grundprinzip wurde der Determinismus, die Annahme, dass alle Ereignisse vollständig durch vorangegangene Gründe erklärbar sind. So sind etwa die Eigenschaften „Standort“ und „Geschwindigkeit“ eines Objekts, wie ein Apfel oder eine Feder, exakt voraussagbar und zwar nicht nur einzeln, sondern auch gleichzeitig.

Später predigte Karl Popper in der „Logik der Forschung“, dass der endgültige Beweis einer Theorie nicht möglich sei. Eine Theorie wie „Alle Schwäne sind weiß“ könne nie bewiesen werden, da schwarze Schwäne möglicherweise nie beobachtet werden, obwohl sie doch existierten. Deshalb hatte Popper das „Verifikations-“ durch das „Falsifikation-Prinzip“ ersetzt: Theorien sollten Experimenten unterzogen werden können, um zu überprüfen, ob aus ihr abgeleitete Hypothesen im Einklang mit empirischen Ergebnissen stehen, um sie stützen, oder, wenn die Resultate nicht mit den Prognosen übereinstimmen, eben für ihre Unwahrheit sprechen können.

Spekulative Wissenschaften – Aber dann erschienen Werner Heisenberg und die Quantenphysik. Im Gegensatz zur klassischen Physik sind seither nur noch Wahrscheinlichkeits- und nicht mehr exakte Aussagen über Eigenschaften von Objekten, wie etwa der „Ort“ und die „Geschwindigkeit“ von Elektronen, Neutronen, Atome oder Moleküle, möglich, weil diese nicht mehr nur Partikel-, sondern auch Wellencharakter besitzen. Eine Objekteigenschaft verändert ihren Wert viel mehr durch die Messung ihrer selbst. Auch wenn der Wert einer Eigenschaft mit zunehmender Messhäufigkeit immer genauer wird, können im Gegensatz zur klassischen Physik etwa der „Ort“ und die „Geschwindigkeit“ nicht mehr gleichzeitig exakt vorausgesagt und gemessen werden. Dies gilt auch für einen Apfel oder eine Feder, auch wenn wir dies in unserer üblichen Realität nicht wahrnehmen können.

Eine Interpretation der Quantenphysik wurde die „Viele-Welten-Theorie“. Diese nimmt an, dass sich unsere Welt zu jedem Zeitpunkt in eine unendliche Anzahl paralleler Welten teilt, in denen jeweils der Wert einer Objekteigenschaft exakt bestimmbar ist. So kann der Wert einer Objektattributes in jeder Welt, genauso wie in der klassischen Physik, exakt vorausgesagt werden. Aber die These der „Viele-Welten-Theorie“ ist grundlegend verschieden von der, die sich auf unsere sichtbare Welt bezieht: Sie kann nicht durch Beobachtungen experimentell überprüft werden. In der Tat ist die „Viele-Welten-Theorie“ eine spekulative Theorie.

Spekulative Theorien, wie das Quantenmodell von Partikeln, die Existenz von dunkler Materie oder dunkler Energie, sind nicht falsifizierbar. Während in der klassischen Physik das Vertrauen in eine wissenschaftliche Theorie wächst, wenn experimentelle Beweise sie „beweisen“, schlagen moderne Wissenschaftler vor, dass auch gedankliche Erkenntnisse Theorien stützen können. Laut dem Kosmologen Sean Carroll kann die Wahrheit einer spekulativen Theorie nur in Übereinstimmung mit früheren empirischen Daten, die nicht unbedingt experimentell gewonnen worden sein müssen, beurteilt werden.

Subjektive Wissenschaften – Schließlich entwickelte Tim Berners-Lee das Internet mit der Möglichkeit, individuelle Welten im interaktiven Web zu kreieren. Seitdem ist jeder einzelne Mensch nicht mehr nur Empfänger der von den Wissenschaften „bewiesenen“ Wahrheiten, sondern auch Produzent seiner eigenen, individuellen Wahrheit. Heute gibt es so viele Wahrheiten und Götter, wie es Menschen auf der Welt gibt. Es waren Moses und Jesus, die dies ermöglicht hatten, indem sie die Menschen befreiten und auf die gleiche Stufe wie Gott stellten.

Bitte, ihr sieben Milliarden Götter, übernehmt die Prinzipien der Wissenschaften, passt eure Dogmen fortwährend an die Anforderungen der Moderne an, stützt eure Erkenntnisse auf Fakten und lernt von den ersten muslimischen Kalifen, die nicht nur ihre Dogmen als Wahrheiten anerkannten, sondern auch die Suche nach Wahrheiten favorisierten, um eure Wahrheiten zu finden! Uralte Dogmen, an die noch heute orthodoxe Juden und Christen sowie „moderne“ Muslime glauben, führen nicht zu weiterem Fortschritt der Menschheit, sondern zurück ins Mittelalter.

 

Über Patrizia Trolese 8 Artikel
Patrizia Trolese berät Professional Service Firms wie Strategie- und IT-Beratungen sowie Internet-Startups beim strategischen und operativen Personalmanagement. Seit ihrem Studium der Arbeits- und Organisationspsychologie interessiert sich Patrizia Trolese für die Frage, wie Menschen denken, Probleme lösen und welche Rolle Organisationen, Kulturen und gesellschaftliche Rahmenbedingungen dabei spielen.

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