„Selbst Hitler verstand mehr von Fußball als Sie“

Die New York Times hat sich mit dem Konzept der Hate Poetry befasst, mittels dessen deutsche Journalisten an sie gerichtete Hassbriefe persiflieren. Dabei kämen die Schreiben aus allen sozialen Schichten. (Foto: Thies Rätzke)

 

-von forgsight

Mittlerweile hat das Konzept sogar schon das Interesse der New York Times gefunden: An zahlreichen Orten in Deutschland haben Yassin Musharbash und mehrere andere deutsche Journalisten aus der Einwanderercommunity bereits Hallen mit ihren „Hate Poetry“-Veranstaltungen gefüllt.

Immer öfter werden vor allem Journalisten mit Migrationserfahrung zur Zielscheibe rassistischer Anfeindungen, meist über die Kommentarspalten der Medien, für die sie tätig sind, aber auch in persönlichen Briefen oder E-Mails. Nicht selten sind die Hasstiraden sogar namentlich gezeichnet.

Den beabsichtigten Einschüchterungseffekt lösen Briefe, in denen selbst entschieden säkulare Journalisten wie Deniz Yücel oder Mely Kiyak verdächtigt werden, Teile einer angeblichen djihadistischen Weltverschwörung zur „Islamisierung“ Deutschlands zu sein, jedoch kaum aus.

Eines Tages hatte Ebru Taşdemir die Idee, die Urheber und ihre Ideen exakt jener Lächerlichkeit preiszugeben, die sie verdient hätten, und es war die Idee des Hate Poetry Slam geboren.

Hate Poetry wird auch als Bühnenshow inszeniert

Von diesem Augenblick an wurden die Pöbeleien und Drohungen genutzt, um diese zu einem Event umzufunktionieren, dabei ein breites Publikum zu unterhalten und dieses zum Lachen zu bringen. Dabei kommen Ironie und Inszenierung nicht zu kurz, etwa wenn sich die Adressaten während des Vorlesens wie Gastarbeiter der 1960er Jahre oder radikale Islamisten kleiden, Plastiktüten von Aldi über die Bühne tragen oder Knoblauch verteilen.

„Wir werden nicht für das angegriffen, was wir schreiben, äußerte sich Yassin Musharbash gegenüber AP. „Man greift uns für das an, was wir sind oder was diese Leute denken, dass wir es wären. Offenkundig gibt es da draußen Leute, die ein Problem damit haben, dass Journalisten mit nahöstlich klingenden Namen in seriösen deutschen Zeitungen arbeiten.“

Zu den Veranstaltungen kommen nicht nur Zuhörer aus der Einwanderercommunity, auch Interessierte aus der alteingesessenen Bevölkerung lassen sich sehen und sind oft bestürzt darüber, welche Inhalte nicht selten von scheinbar honorigen Persönlichkeiten aus der Mitte der Gesellschaft kommen.

Vom Altnazi bis zum PKK-Anhänger alle vertreten

Es gäbe kein eindeutiges Profil für die Urheber der Hassbriefe, sie kämen aus dem gesamten Land und aus verschiedensten Schichten. „Wir bekommen Briefe von Studenten, Lehrern und Professoren, Deutschen, Deutsch-Türken, Kurden, Nazis, sich selbst als Linke sehenden Personen, Christen, Atheisten… einfach von allen“, unterstreicht Musharbash.

Dass die Journalisten die Briefe verlesen, soll das Publikum der Hate Poetry Abende jedoch nicht erschrecken, sondern unterhalten.

Derzeit beteiligen sich insgesamt sieben Journalisten und zwei Moderatoren aus der türkischen oder arabischen Einwanderercommunity in wechselnder Zusammensetzung an den Events.

Am Ende der Veranstaltungen werden oft Sonnenblumenkerne ans Publikum verteilt oder der „Hassbrief des Abends“ ausgewählt. Einmal gewann dabei einer, der an Deniz Yücel gerichtet war und diesem bescheinigte, dass „selbst Hitler mehr von Fußball verstanden“ hätte als dieser.

Ungeachtet des Spaßfaktors und der Solidarität, die ihnen entgegengebracht wird, heißt es aus den Reihen der Veranstalter, es wäre ihnen lieber, es käme der Tag, an den sie keine Events dieser Art mehr organisieren müssten.