Naher Osten 2030: Wissen, Internet und Kooperation statt Konflikte, Intrigen und Wettbewerb

Auf Basis der Forschungsarbeiten von Prof. Volker Perthes, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik und Nahostexperte, hat unsere Autorin Patrizia Trolese aus der Perspektive Israels ein Szenario des Nahen Ostens 2030 entwickelt. 

Die Ursachen des Nahost-Konflikts reichen konkret mindestens bis 1916 zurück: der Nationalismus, das Sykes-Picot-Abkommen, Verrat, Selbstjustiz, Vertreibungen, Massaker sowie die Zügellosigkeit des Kapitalismus und der Terrorismus. 2030 haben andere Treiber das Ruder übernommen: die Internetökonomie und Polarisierung der Arbeit, der „Solutionismus“ und eine Entpolitisierung.

Die politische und wirtschaftliche Welt 2030

Liberale Demokratien sind global derzeit keine Gewinnermodelle, auch wenn in Israel, in den USA und in Europa längst verstärkt Elemente der direkten Demokratie eingeführt worden sind. Die alten Demokratien Europas und Nordamerikas haben auf internationaler Ebene an Macht verloren. Gerade in China und auf der arabischen Halbinsel gelingt es offensichtlich, Wohlstand zu erreichen, ohne sich auf die Demokratie zu besinnen.

Die Nationen der Welt haben sich von Wohlfahrts- hin zu Präventionsstaaten gewandelt. Sozialstaaten sind kaum noch finanzierbar. Vielmehr geht der „Solutionismus“ um, also die Annahme, es gebe noch nicht genug Daten und Wissen über Menschen, um gute Entscheidungen treffen zu können. Apps sorgen etwa dafür, dass Menschen gar nicht erst krank oder ausgeraubt werden. Maßgaben der Politik sind hinter solchen der Wirtschaft zurückgetreten.

Quelle: Daniel Chapma/Flickr
Quelle: Daniel Chapma/Flickr

Es haben sich große Wirtschaftsräume mit einheitlichen rechtlichen und steuerlichen Rahmenbedingungen etabliert, um digitale Geschäftsmodelle rasch und groß ausrollen zu können – schließlich bestimmen in der neuen Ökonomie Nutzerzahlen den Wert von Waren und nicht deren Knappheit wie in der Old Economy. Zudem horten Unternehmen Wissen über Konsumenten bzw. Patienten und nutzen es als vierten Produktionsfaktor – Kunden und Patienten können individuell und effizient beworben werden und Werbetreibende bezahlen Milliarden für dieses Wissen.

Gefahr besteht heute weniger durch autokratische, expansionlüsterne Staatschefs als eher durch machthungrige Wirtschaftskonzerne wie Apple, Google oder Facebook. Diese sind heute auch Medien, die individuelle Informationen und Kontakte für Konsumenten „paßgenau“ liefern. So sind Informationsblasen entstanden, die für individuelle Konsumenten „unpassende“ Informationen und Kontakte ausblenden und damit die Freiheit von Information und Kommunikation sowie pluralistische Diskurse unterhöhlen.

Der internationale Wettbewerb hat auch auf dem Arbeitmarkt deutlich an Schärfe zugenommen. Produkte, Services und Content können sich nur bei einem messbaren Mehrwert bzw. kostengünstig auf einem globalen Markt durchsetzen. Wertschöpfungsketten wurden fragmentiert – jeder bringt seine spezifischen Stärken in die kollaborative Produktion, Vermarktung und Auslieferung von Waren ein.

Eine Polarisierung der Arbeit hat stattgefunden: Gewinner auf diesem Arbeitsmarkt sind wissensintensive Dienstleister, wie Ärzte, IT- und Managementberater, sowie Kreative, deren Arbeit sich nicht automatisieren lässt. Fach- und Sacharbeiten sind durch digitale Lösungen und Robotisierung nahezu komplett weggefallen. Manuelle Arbeiten, für die viel Erfahrung notwendig ist, wie die von Handwerkern, Friseuren und Fabrikarbeitern bei anspruchsvollen Montagen und Reparaturen lassen sich ebenfalls kaum automatisieren.

Israel

Israel kann sich als eine der wenigen Demokratien im Nahen Osten neben Palästina und dem Libanon behaupten. Instrumente der direkten Demokratie wurden eingeführt. Bei Wahlen und Exekutiventscheidungen über die Grundlage von Gesetzen können Israelis heute direkt über das Internet abstimmen. Die Ergebnisse solcher Gesetzes-„Marktforschung“ werden von Politik-Profis zu konkreten Gesetzen weiterverarbeitet und den Bürgen interaktiv erneut zur Wahl vorgelegt.

Bereits seit über 15 Jahren ist Israel eine der Gründermetropolen der Welt. Heute wird das Land äußerst erfolgreich von dem Ökonomen Elazar Stern als Premierminister durch die neue Ökonomie geführt. Israel ist Mitglied von „EMEA-US“, ein gemeinsamer Wirtschaftsraum mit den Staaten der arabischen Halbinsel, dem Iran, Indonesien, der Türkei, den Nationen Afrikas und Europas sowie den USA. So kann „EMEA-US“ der neuen Wirtschaftsmacht der „Vereinigten BRICS-Staaten“ mit ihren Milliarden Konsumentenmärkten Paroli bieten.

Besonders enge Beziehungen pflegt Israel zu Saudi Arabien. Die Israelis liefern die Ideen für Internet-Startups, die Saudis das notwendige Risikokapital. Aber auch mit Ägypten und Palästina arbeitet Israel eng zusammen – von hier stammen vorwiegend die billigen Arbeitskräfte, die Israel für die kollaborative Produktion und Auslieferung von Waren in der Internetökonomie benötigt, um global wettbewerbsfähig sein zu können. Zudem hat sich der Iran bei Israel als Hauptlieferant wissensintensiver Dienstleistungen und Content – insbesondere von Ärzten, Juristen, Ingenieuren und Anbietern hochwertiger Texte – etabliert.

Saudi Arabien

2019 wurde der israelisch-arabische Friedensvertrag geschlossen. Seither kooperieren Israel und Saudi Arabien auch in der Internetökonomie eng miteinander. Gemeinsam haben sie Internetkonzerne entwickelt, mit denen sie in der „EMEA-US“-Region dominieren und auch darüber hinaus wettbewerbsfähig sind.

Ali Mansuri
Quelle: Ali Mansuri

Mohammed ibn Naif ibn Abdul-Aziz Al Saud regiert zwar ein Land, das weiterhin ein Öl-Rentier- und Allokationsstaat ist: Es bezuschusst seine Bürger, anstatt sie zu besteuern und dafür politische Forderungen gewähren zu müssen. Aber immerhin ist der Privatsektor in Saudi Arabien heute nicht mehr vom Staat abhängig. Marktwirtschaftliche Reformen stärken bereits vorhandene Mittelschichten, die mit bestimmten Forderungen nach Reform auftreten.

Es gibt weiterhin keine freien Wahlen als Instrument für einen friedlichen Machtwechsel. Aber die Saudis haben im Gegensatz zu China und Russland heute wenigstens Menschenrechte, Transparenz und Meinungsfreiheit etabliert. Das Maß individueller Freiheiten hat deutlich zugenommen, insbesondere wirtschaftliche Freiheit, Eigentumsrechte sowie die Freiheit von Information und Kommunikation. Auch sind die Gesellschaft, Medien und politischen Institutionen pluralistischer geworden.

Ibn Naif ibn Abdul-Aziz Al Saud reformiert die politisch-administrativen Systeme nach wie vor vorwiegend „von oben“. Dies bedeutet zwar nicht die Einführung liberaler Demokratie, wohl aber eine stärkere Institutionalisierung und Berechenbarkeit sowie Partizipation der Bürger. Bei Kommunalwahlen und Exekutiventscheidungen können Frauen und Männer in Saudi Arabien heute, wie in Israel, direkt über das Internet abstimmen.

Ägypten

Auch mit Ägypten pflegt Israel enge Beziehungen – von hier stammen billige Arbeitskräfte für manuelle Tätigkeiten in der Internetökonomie. Wael Ghonim, der 2011 für seine Rolle als Internetaktivist bei der Revolution in Ägypten vom amerikanischen Time Magazin in der Time 100-Liste als einflussreichste Persönlichkeit der Welt ausgezeichnet worden war, ist heute Präsident in Ägypten. Gemeinsam mit der Fraktion der Muslimbrüder, die von as-Sisi wieder erlaubt worden waren, hat Ghonim die Militärdiktatur in ein präsidentielles Regierungssystem nach US-amerikanischem Vorbild verwandelt.

RanveigEr hat es deutlich schwerer als sein Kollege aus Saudi Arabien. Sein Land ächzt unter der expotentiell wachsenden Bevölkerung. Eine extrem junge Gesellschaft ist entstanden – nahezu die Hälfte der Ägypter ist jünger als 15 Jahre alt und 70 % unter 30. Sein Land kann nicht von den Renten seiner Erdschätze leben und Milliarden in die Internetökonomie investieren. Wissensarbeiter und Kreative stellen in der neuen Wirtschaftsgemeinschaft bisher eher der Iran, die Türkei, Europa und die USA.

Die Massen der Arbeitslosen bieten – ähnlich wie in Palästina – ein Reservoir von Terroristen für den noch nicht endgültig besiegten IS. Seitdem Propheten Muhammad ist jede Tätigkeit des Menschen Gottesdienst, der Muslim stellt als „Stellvertreter Gottes“ alle Aktivitäten in den Dienst des Höchsten. Das ist noch heute die Maxime der meisten Muslime, und der IS nutzt dies für seine Zwecke.

Den Vorstellungen des IS will Ghonim nun eine Alternative entgegenstellen. Er investiert in die Bildung der ägyptischen Bevölkerung und macht sein Land attraktiv für ausländische Investoren im Bereich „Social Entrepreneurship“. Ein Vorzeige-Start up gibt es schon: Das Unternehmen bietet mobile Vibrationen auf Bein- und Armbinden sowie Sprach-Einblendungen in Bezug auf Geschehnisse in der realen und digitalen Welt in Echtzeit an – sodass sich Sehgeschädigte auch ohne Stock zurechtfinden können.

Palästina

Die Beziehungen von Israel zur international anerkannten parlamentarischen Republik Palästina, dessen Präsident Riyad al Malki ist, sind auf politischer Ebene noch etwas unterkühlt. Israel hat die Sperranlage zurückgebaut und die 1967 besetzten Gebiete zurückgegeben. Die Regierung unter Führung von Frau Dr. Khouloud Daibes soll nun die lange Zeit verfeindeten Organisationen der pro-westlichen Fatah, der Hamas sowie der Volksfront zur Befreiung Palästinas vereinen. Dem Kabinett gehören Politiker der verschiedenen Strömungen an.

Auch wenn es noch vereinzelt zu terroristischen Anschlägen der IS kommt sind die Beziehungen auf wirtschaftlicher und privater Ebene zwischen den beiden Ländern freundlich. Bisher dienten die Palästinenser den Israelis vorwiegend als billige Arbeitskräfte. Das wird sich Dank der Führung von Frau Dr. Daibes bald ändern. Sie will stärker als bisher in die Bildung der ägyptischen Bevölkerung und in die Infrastruktur für die Internetökonomie investieren. Der israelische Premier Elazar Stern und der iranische Regierungschef Ali Motahari unterstützen sie dabei. Erste Erfolge zeigen sich im Islamic Banking, in dem sich Palästina bald mit Kuala Lumpur, Bahrain, Dubai, Kuwait and Singapur messen kann.

Iran
Quelle: دماوندی
Quelle: دماوندی

Der Iran hat sich unter Ali Motahari gegenüber Israel als Lieferant wissensintensiver Dienstleistungen und Content – insbesondere von Ärzten, Juristen, Ingenieuren und Anbietern hochwertiger Texte – etabliert. Zwar ist die wichtigste Wirtschaftssparte noch das reiche Erdöl– und Erdgas-Vorkommen. Dank guter Ausbildung können die Iraner sich jedoch auch in der Wissensökonomie gut behaupten.

Mit Schahbanu Mahumeh Farahnaz Pahlavi, einer Tochter von Reza Pahlavi, ist der Iran heute formal eine konstitutionelle Monarchie, da der Schah oder die Schahbanu die Regierung absetzen kann. Es handelt sich aber de facto um eine parlamentarische Monarchie, da auch das Parlament das Recht hat, die Regierung abzusetzen. Im Iran wird ebenfalls versucht, den gemäßigten politischen Islam zu integrieren. Aufgrund des Wohlstandes des Landes stellt der Iran heute kaum noch Terroristen für den IS.

„EMEA-US“

Alles in allem ist mit „EMEA-US“ eine gelungen Gemeinschaft entstanden, die die kulturellen Stärken der einzelnen Nationen integriert: Die Stärke der Juden in den Bereichen (Internet-) Handel und Finanzdienstleistungen, die Stärke der Christen, die mit ihrer Suche nach Wahrheit und der Entwicklung der Wissenschaften den technologischen Fortschritt möglich gemacht haben und die Stärke der Muslime des Nahen und Mittleren Ostens, Indonesiens, der Türkei und in Afrika, die mit ihrer Vision der sozialen Gerechtigkeit dafür sorgen, dass die neue Ökonomie, anders als im Kapitalismus, Chancen für alle ermöglicht.

Last but not least hat „EMEA-US“ einen Unique Selling Proposition gegenüber den „Vereinigten BRICS-Staaten“ mit ihren laxen Datenschutzbestimmungen in den Ring zu werfen: Ihr weltweit einzigartiges Recht auf Informationelle Selbstbestimmung – in „EMEA-US“ ist die ganze Internetwelt gerne zu Hause, um geschäftliche und persönliche Transaktionen abzuwickeln, und das bedeutet exorbitante Einnahmen.

Über Patrizia Trolese 8 Artikel
Patrizia Trolese berät Professional Service Firms wie Strategie- und IT-Beratungen sowie Internet-Startups beim strategischen und operativen Personalmanagement. Seit ihrem Studium der Arbeits- und Organisationspsychologie interessiert sich Patrizia Trolese für die Frage, wie Menschen denken, Probleme lösen und welche Rolle Organisationen, Kulturen und gesellschaftliche Rahmenbedingungen dabei spielen.

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