Lampedusa: Was ist, wenn Du eines Tages flüchten musst?

700 Menschen sterben, als sie sich auf dem Weg nach einem besseren Leben machten. Sie waren auf der Flucht vor Krieg, Armut und Hungersnot. Schuld daran, sind wir alle! 

-von Sirin Saoif

Ich frage mich, warum immer erst Menschen sterben müssen, damit uns bewusst wird, was eigentlich um uns herum geschieht. Über 700 Menschen sind auf einmal im Meer ertrunken. Ihr Traum von einem besseren Leben ist mit ihnen gegangen. Wie viele Kinder wohl auf diesem Boot waren? Unschuldige Menschen, die unerwünscht sind und gezwungen sind, auf illegalem Wege einzureisen, ihr Leben zu riskieren, weil wir zu egoistisch sind mit anderen zu teilen. Weil wir nicht auf unseren Standard verzichten können. Weil wir nicht so enden möchten wie diese Menschen.

Auf dem Weg nach Lampedusa sterben vergangenen Sonntag Hunderte von Menschen, die sich auf einem kleinen Boot zusammengedrängt auf die Flucht begaben. Auf der Flucht vor Krieg, Hunger und Armut. Etwas Neues ist das nicht. Doch eine solch hohe Zahl muss uns erst vor Augen geführt werden, damit wir wach gerüttelt werden. Wie oft liest man zwischen den Zeilen das Wort „Lampedusa“ im Zusammenhang mit „Flüchtlingen“. Und wen hat es interessiert? Niemanden. Es ist zu einer Norm geworden. Als würden wir von Einbrüchen in der Nachbarschaft berichten, die ab und an geschehen. Solche Nachrichten kümmern uns selten, denn wir sind ja meist nicht davon betroffen. Solange man darauf achtet, dass einem selbst nichts geschieht, ist die Welt in Ordnung, richtig? Falsch!

Stellen Sie sich 700 Tote vor! Das sind 25 Mal so viele Tote wie bei dem Anschlag von Charlie Hebdo und fast fünf Mal so viele wie bei der Flugkatastrophe von Germanwings und es werden immer mehr. Zwar mag man hier offiziell von keinem Anschlag sprechen, doch in meinen Augen ist genau das passiert. Es ist ein Anschlag auf die Menschheit! Es ist die Schuld von uns allen, die ihre Augen verschließen und von dem Elend der anderen wegschauen, um unser Leben unbesorgt weiterzuführen.

„Als wir die Flüchtlinge waren“

Während meines Italianistik-Studiums waren die Flüchtlinge in Italien oft ein großes Thema. Meist wurde nach einem Problem gesucht, um die Einwanderung der Flüchtlinge zu verhindern und nicht danach, wie man ihnen helfen kann. Dieser Zwiespalt, in dem die Italiener sich befanden, einerseits Menschlichkeit zu beweisen und sich andererseits an die Gesetze zu halten und illegale Flüchtlinge zu melden, wurde zu einer Hauptthematik des italienischen Kinos. Ein besonderer Titel eines Films, den ich im Laufe meines Studiums kennen lernte, blieb mir in Erinnerung. „Als wir Albanien waren“ („Quando l’Albania eravamo noi“).

Als ich vergangenen Sonntag von der Tragödie hörte, musste ich sofort an diesen Titel denken. Im 18.Jahrhundert waren es die Italiener, die nach Südamerika in Schiffen und Booten auswandern mussten und sich in einem fremden Land, in dem sie weder die Sprache sprachen noch Familie hatten, ein besseres Leben erhofften. Und nun wurden die Rollen vertauscht und Italien wurde mit Flüchtlingen überhäuft und die Menschen vergessen, wie es sich angefühlt hat, selbst einmal ein Flüchtling gewesen zu sein. Doch es ist nicht die Schuld der italienischen Regierung und auch nicht von Europa. Es ist die Schuld jedes einzelnen von uns, weil wir lieber wegschauen, anstatt mit anderen zu teilen.

Doch anstatt etwas dagegen zu unternehmen, erscheint es in den Augen einiger Menschen wichtiger darüber zu diskutieren, anstatt zu handeln. So etwa Günther Jauch. Als er in seiner Sendung am Sonntag wieder einmal mit seinen Gästen darüber debattierte, wie Europa auf solche Flüchtlingskatastrophen reagieren solle, fand ein einziger Herr den Mut das auszusprechen, was viele von uns dachten. Harald Höppner aus Brandenburg, ein Mann, der mit seinem eigenen Boot, Flüchtlinge retten möchte, bat das Publikum um eine Schweigeminute für die Flüchtlinge. Doch anstatt diese Idee zu unterstützen, unterbricht Jauch den mutigen Mann und spricht dazwischen. Selbst die geladenen Gäste stehen auf, nur Jauch scheint es nicht verstanden zu haben. Verärgert antwortet Höppel: „Deutschland sollte eine Minute Zeit haben, um dieser Menschen zu gedenken. Jetzt. Bitte.“ Damit war dieser Herr für mich der Held des Abends.

Lange Diskussionen haben uns noch nie weitergebracht. Wir sollten lieber anfangen, zu handeln, anstatt uns mit Theorien zu befassen. Lasst uns unsere Arme öffnen. Wenn wir geben, kriegen wir auch etwas zurück. Gibt es etwas Schöneres als ein Kind glücklich zu machen? Was ist, wenn Du eines Tages flüchten musst?

Über Sirin Saoif 6 Artikel
Sirin Saoif ist Studentin der italienischen Philologie, Anglistik und Amerikanistik. Am forgsight.com verantwortet sie die Mediaplanung. Darüber hinaus ist sie Redakteurin für DTJ-Online. Gleichzeitig betreibt sie mehrere eigene Blogs, u.a. Let People Talk, Sirins World und Eat Mediterranean Food.

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