Geld und seine Zukunft in der digitalisierten Welt

Geld ist schon sehr selbstverständlich geworden. Wir tragen es die ganze Zeit mit uns. Wenn wir hungrig oder durstig sind, holen wir aus dem Portemonnaie 1 Euro raus und bezahlen damit die Ware. (Foto: pixabay)

Ich habe eine Frage: Haben Sie sich je Gedanken über Geld gemacht? Ich meine keine Gedanken darüber machen, ob man genug Geld hat oder wie man mehr Geld verdienen könnte. Meine Frage ist genauso banal wie sie gemeint ist. Wissen Sie, warum wir überhaupt Geld haben?

Geld ist schon sehr selbstverständlich geworden. Wir tragen es die ganze Zeit mit uns. Wenn wir hungrig oder durstig sind, holen wir aus dem Portemonnaie 1 Euro raus und bezahlen damit die Ware. Kleine Kinder verstehen aus der Beobachtung des alltäglichen Umgangs mit Geld, dass es sich um etwas Besonderes und Wichtiges handeln muss. Als wir auf die Welt gekommen sind, gab es schon Geld. Und Geld wird es geben, wenn wir nicht mehr auf dieser Erde verweilen.

Wenn man genau überlegt, hat Geld gravierende Konsequenz auf unser Leben: Haben wir viel Geld, gelten wir als reich. Haben wir wenig davon, sind wir arm. Es gibt in der Statistik ein Durchschnittseinkommen. Daran kann man erkennen, ob man selbst zu den Besser- oder Schlechterverdienenden gehört. Dieses liegt in Deutschland bei etwa 2.600,00 Euro im Monat, wohlgemerkt Brutto. Geld verursacht also soziale und ökonomische Unterschiede zwischen Menschen. Und Geld kann sogar noch mehr: Geld bestimmt unser Verhalten gegenüber unsere Mitmenschen.

Gegenüber einem Vorgesetzten, der darüber entscheidet, ob ich mein Gehalt am Ende des Monats bekomme, verhalte ich mich ganz anders als zu einer Kellnerin, bei der ich eine Tasse Kaffee bestellt haben. Behandelt mich mein Chef ungerechtfertigt, beiße ich mir womöglich auf die Zunge und übe mich in Zurückhaltung. Schließlich brauche ich das Geld am Monatsende. Aber beobachte ich, wie die Kellnerin herumtrödelt, sich bei anderen Gästen oder Kollegen aufhält, während ich lange auf meine Bestellung warte, dann werde ich schnell ungeduldig.

Einfluss des Geldes auf unser Leben

So, noch einmal die Frage: Haben Sie sich schon einmal Gedanken über Geld gemacht?

Denn das sollten Sie unbedingt machen. Wie gezeigt, hat Geld einen geradezu gewaltigen Einfluss auf unser Leben und bestimmt auch wie wir miteinander umgehen. In der Zukunft wird diese Wirkung des Geldes zunehmen.

Ganz am Anfang haben Menschen mit Naturalien gehandelt. Je mehr Menschen über eine zunehmend größere Region mit Waren versorgt werden mussten, reichte der Naturalientausch nicht mehr aus. Im 7. Jahrhundert vor Christus wurde die Münze eingeführt. Während Milch, Fell oder Fleisch verderblich waren, haben Münzen jede Witterung ausgehalten und waren leicht zu transportieren. Mit der Prägung auf der Münze konnten die Menschen sich sicher sein, dass es sich um eine echte Münze handelt.

Man kann sagen, dass die Münze ein wichtiger Treiber für die Verbreitung der Menschen auf der Erde war. Aber je mehr Menschen, mehr Regionen und mehr Waren hinzukamen, wuchs auch die Zahl der Münzen stark an, die gebraucht wurden. Sie konnten nunmehr nicht mehr bequem und einfach transportiert werden. Etwas anderes musste hinzukommen, nämlich das Papiergeld. Je nachdem welcher Wert auf dem Papier gedruckt war, hat ein Stück leichtes Papier, das man noch beliebig falten konnte, zehn, 100, 200, 500 oder mehr Münzen ersetzt. Statt Hunderte und Tausende Metallstücke zu transportieren reichte nur noch ein Stück Papier mit wenigen Gramm Gewicht.

Seit etwa den 1970er Jahren haben wir eine weitere Entwicklung erlebt: die Verbreitung des elektronischen Gelds. Geld- und Kreditkarten ersetzen mehr und mehr das Münz- und Papiergeld. Das ist auch kein Wunder. Denn inzwischen muss ein einzelner Mensch viel Geld über große Strecken, ja sogar durch mehrere Ländern transportieren können. Die Wirtschaft ist jetzt globalisiert. Dank des elektronischen Geldes ist nicht nur der Handel zwischen weit entfernten Ländern möglich geworden. Auch so wichtige Projekte wie die Einführung des Euro konnte endlich realisiert werden.

Die Form des Geldes hat also nicht nur zur Verbreitung der Menschen über die Welt beigetragen, sondern auch geschafft, Ländergrenzen und Sprachen zu überwinden und zusammenzuführen. Der Euro und Europa ist nur ein Beispiel. Zuvor ist dies dem US-Dollar und den USA gelungen. China und sein Yuan könnte eine starke Kraft werden, die Integration asiatischer Länder zu erreichen.

Münzen, Papiergeld, elektronisches Geld

Über Jahrtausende hat sich der Handel mit Waren und Dienstleistungen von innerhalb einer Dorfgemeinschaft, über zwischen Dörfern und Regionen, später zwischen Kulturen und Nationen bis heute zwischen Ländern und Kontinenten ausgebreitet.

Heute fußen wir an einer ganz neuen Entwicklung. Das elektronische Geld, das auf einem Konto gespeichert und mithilfe einer Plastikkarte und einem Automaten oder mithilfe des Internets abgerufen werden kann, reicht nicht mehr aus. Um Zahlungen vornehmen zu können, müssen wir vorher am Automaten Geld abheben, oder in ein Lesegerät unsere Geheimnummer eintippen und bestätigen, wenn wir mit der “Karte zahlen möchten”.

Nach Naturalien, Münzen, Papiergeld und elektronischen Geld wird die nächste Stufe das digitale Geld sein. Der Unterschied wird darin bestehen, dass das digitale Geld ohne Münz- oder Papiergeld aus der Hosentasche zu kramen, oder die Karte in ein Lesegerät einzustecken, bezahlt wird. Man wird beim digitalen Geld keine aufwendigen Träger, Medien oder Technologien benötigen.

Heute wird an verschiedenen Szenarien gearbeitet: Handyhersteller wie Apple oder Internetunternehmen wie Google arbeiten bereits an einem System, bei dem das Smartphone die Plastikkarte ersetzt. Inzwischen gibt es auch digitale Währungen wie Bitcoin. Sie wird ausschließlich über das Internet abgewickelt, ohne dass eine Bank dazwischen geschaltet ist. Sowohl das Smartphone als auch Bitcoin sind allerdings keine optimalen Lösungen. Sie brauchen kostspielige Hardware (Smartphone) oder sie sind nur auf das Internet eingeschränkt (Bitcoin).

Mit eigener Identität „bezahlen“?

Ich weiß es nicht, ob es in fünf, zehn oder 20 Jahren soweit sein wird. Aber ich gehe davon aus, dass wir in der nahen Zukunft mithilfe von Körperteilen, die unsere einmalige Identität tragen, “bezahlen” werden. Vielleicht werden wir unseren Daumen oder den Iris unseres Auges auf ein Lesegerät halten oder kurz in eine Kamera lächeln und mit unserer Stimme unsere Identität bestätigen. Und schon wird der Betrag ausgezahlt oder überwiesen, die wir zuvor eingegeben haben.

Spannend bleibt die Frage, wie das digitale Geld unser Verhalten im Umgang mit unseren Mitmenschen beeinflussen wird. Ich bin mir sicher, es wird in der Zukunft immer noch Arme und Reiche geben. Heute tragen Menschen Markenwaren, von denen man weiß, dass sie teuer sind und man viel Geld besitzen muss, um sie kaufen zu können. Manche zeigen demonstrativ ihre Platin- oder Gold-Kreditkarte. Im Zeitalter des digitalen Geldes könnte der Körper noch stärker als heute in den Mittelpunkt stehen, so dass der Floskel von den “Reichen und Schönen” eine neue Bedeutung annimmt. Vielleicht entsteht ein neues Körperbewusstsein oder ein übertriebener Körperkult, um sich von den Armen abzugrenzen. Dies wird sich in der Zukunft noch zeigen.

Aber genau wie in der Vergangenheit die Form des Geldes die Gesellschaftsordnung bestimmt hat, kann man davon ausgehen, dass das digitale Geld Weltregionen zusammenfassen wird. Die transatlantische Freihandelszone, die aktuell zwischen den USA, Kanada und Europa ausgehandelt wird, ist vielleicht ein Vorläufer für eine westliche Werte-, Sozial- und Wirtschaftsgemeinschaft sein, die durch das digitale Geld Wirklichkeit wird.

Über Kamuran Sezer 67 Artikel

Kamuran Sezer, Jg. 1978 und Diplom-Sozialwissenschaftler, ist seit 2006 als Trend- und Zukunftsforscher tätig. Mit seinem futureorg Institut berät und forscht er zum Wandel in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Weitere Informationen finden Sie unter www.kamuran-sezer.com

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  1. forgsight.com – Bargeld: Die Zukunft ist digital – und die FDP reaktionär

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