Flüchtlingsdebatte: Flüchtlinge sind keine Gastarbeiter

Eine Million und mehr Flüchtlinge werden in Deutschland erwartet. Sind sie eine Belastung oder doch eine Chance? Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung gibt erste Antworten.

Eine Million und vielleicht mehr Flüchtlinge werden in Deutschland erwartet. Jeden Tag kommen Tausende Flüchtlinge über die Balkanroute und Österreich nach Deutschland. Die Euphorie ist nicht verflogen, aber die Stimmen der Kritiker schallen in der Öffentlichkeit lauter. Die Zustimmung für die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung ist dabei in wenigen Wochen stetig gesunken.

Wirtschaftswunder dank Flüchtlinge?

Derweil wird die Flüchtlingspolitik unter Nützlichkeitsaspekten in der Öffentlichkeit diskutiert. So führte beispielsweise Daimler-Chef Dieter Zetsche an, dass Flüchtlinge ein neues Wirtschaftswunder in Deutschland auslösen können. Doch es stellt sich die Frage, wie die Bildungs- und Qualifikationsstrukturen der Flüchtlinge aussehen. Denn diese sind aus nachvollziehbaren Gründen bisher unbekannt.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit hat bereits im September einen ersten Versuch gewagt, die Profile der Flüchtlinge aufzuarbeiten. Dafür hat es einen “Aktuellen Bericht” über “Flüchtlinge und andere Migranten am deutschen Arbeitsmarkt: Der Stand im September 2015” herausgebracht.

Niedrige Qualifikation, aber hohes Qualifikationspotenzial

Die Autoren des Berichts erwarten, dass durch die Flüchtlingsströme die Qualifikationsstrukturen der Neueinwanderer sich verschieben werden. Kamen in den vergangenen Jahren vornehmlich Hochschulabsolventen, zeigen die aktuellen Daten, dass die Flüchtlinge niedriger qualifiziert sind. Allerdings sei das schulische Niveau der Flüchtlinge höher als ihre berufliche Qualifikation. Gepaart mit dem sehr jungen Durchschnittsalter gehen die Autoren davon aus, dass die Flüchtlinge ein hohes Qualifikationspotenzial bieten.

Auch erwarten die Autoren keinen Verdrängungseffekt auf dem Arbeitsmarkt. Die Qualifikations- und Beschäftigungsstruktur der Flüchtlinge lasse eine solche Annahme nicht zu. Trotzdem wird erwartet, dass die Arbeitslosenzahl um etwa 130.000 Personen zunehmen wird.

Debatte über “Verwertbarkeit” ist ein Armutszeugnis

“Erfahrungen aus der Vergangenheit zeigen”, heißt es im Bericht, “dass die Beschäftigungsquoten von Flüchtlingen schrittweise zu denjenigen anderer Migranten konvergieren. Fünf Jahre nach dem Zuzug lag die Beschäftigungsquote von Flüchtlingen in der Vergangenheit bei rund 50 Prozent.”

Mit Blick auf die Charta der Menschenrechte kann die Debatte um die “Verwertbarkeit” von Flüchtlingen für die Wirtschaft hingegen nur als Armutszeugnis gewertet werden. Abgesehen davon kann ein Wirtschaftswunder im Sinne hoher Wachstumsraten nur unter bestimmten Rahmenbedingungen erreicht werden, die in der Flüchtlingsdebatte aber keine Rolle spielen und von den Flüchtlingen selbst nicht erfüllt werden können.

Die westdeutsche Wirtschaftswunder beispielsweise hatte einen niedrigen Stand des Bruttoinlandsprodukt je Einwohner nach dem Krieg, das durch den notwendigen massiven Wiederaufbau von Kriegszerstörungen und weitgehend ausgebliebenen Reparationsleistungen wachsen konnte. Darüber hinaus waren finanzielle Unterstützungen wie der Marshallplan, Schuldennachlässe der Siegermächte und die einmalige Vermögensabgabe (Lastenausgleich) wichtig.  

Krise in Deutschland: Nicht Flüchtlinge, sondern fehlendes Risikomanagement ist Ursache

Dies bedeutet aber auch, dass Flüchtlinge keine Krisen im Gastland Deutschland auslösen. Im Gegensatz zu den Nachbarländern Syriens müssen Deutschland und Europa vergleichsweise wenige Flüchtlinge aufnehmen und versorgen. In Jordanien kommt ein Flüchtling auf sieben Einwohner. In Deutschland beträgt dieses Verhältnis ein Flüchtling auf hundert Einwohner. Die aktuellen Probleme, die in der Öffentlichkeit breit diskutiert werden, beruhen lediglich auf einem erstaunlichen Mangel an vorsorgendem Risikomanagement, dass ein entsprechendes Krisenmanagement vorbereitet hätte.

Mit Blick auf die Frage nach einem neuen Wirtschaftswunder muss festgehalten werden, dass Flüchtlinge keine Gastarbeiter sind. Dieser Fakt darf nicht aus den Augen verloren gehen. Der weitaus größte Teil will laut Umfragen in ihr Land zurückkehren, wenn dort Fluchtursachen beseitigt worden. Daher besteht weder die Notwendigkeit, dass alle Flüchtlinge die deutsche Sprache schnell erlernen, noch die der vollständigen Eingliederung in den Arbeitsmarkt.

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Ausgangspunkt der Gründung des Pestel Instituts waren die beiden ersten Berichte an den Club of Rome: "Grenzen des Wachstums" und "Menschheit am Wendepunkt". Heute sind wir als Forschungsinstitut und Dienstleister weiterhin der Tradition des wachstumskritischen Ansatzes aus dieser frühen Zeit des Instituts verpflichtet. In jüngster Zeit rücken dabei verstärkt Aspekte der Widerstandsfähigkeit oder Krisenfestigkeit von Systemen gegenüber Störungen (Resilienz) in den Vordergrund der Betrachtung. Mehr Wissen über www.pestel-institut.de
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