Corpoworking: Aus dem Arbeitsplatz ein Innovationszentrum machen

Corpoworking ist an Coworking angelehnt – und ist doch mehr als das. Er ist ein Trend, der weitgehend unbekannt ist, aber heute schon zeigt, wie die Arbeitswelt von morgen aussehen wird. Unternehmen wie SAP, TUI oder Orange setzen es ein, um sich schrittweise auf die Märkte von morgen vorzubereiten.

Wie kaum an einem anderen Ort im Unternehmen werden die Veränderungsprozesse in der Arbeitswelt so sichtbar wie am eigenen Arbeitsplatz. Erst hat der Computer die Schreibmaschine ersetzt. Dann hat das Internet, die mobilen Endgeräte und Applikationen, die Fax, Kalender, Post, Akten, Visitenkarten u.v.m. vom Schreibtisch verbannt. Dabei sind die Informationsflüsse, die Kommunikationsbeziehungen und die Entscheidungsfindungsprozesse  vielfältiger und schneller geworden. Dies gilt nicht nur für das Büro. Auch an anderen Arbeitsplätzen wird der Wandel sichtbar, der durch die Digitalisierung unausweichlich geworden ist.

Technologie verändert den Arbeitsplatz

Die Deutsche Bahn hat ihre Zugführer für den Regionalverkehr mit Smartphones ausgestattet, auf denen eine spezielle, nur für den internen Gebrauch zugelassene App, sowohl die Kommunikation zwischen Bahnhofs- und Fahrpersonal ermöglicht als auch Echtzeit-Daten sammelt, um Verspätungen und Fahrzeiten zu ermitteln, die auch den Fahrgästen über den DB-App bereitgestellt werden. Der Mittelständler Essert GmbH aus Baden-Württemberg, ein anderes Beispiel, hat eine Augmented Reality-Datenbrille für Montage- und Wartungspersonal entwickelt, das auf diese Weise Anweisungen von Spezialisten erhalten kann, die nicht vor Ort bei ihnen sein müssen.

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Über die Datenbrille sehen die Spezialisten mit den seltenen Expertisen das Objekt, können das Personal vor Ort zielgenau anweisen und mit Informationen versorgen. Es geht weiter. Microsoft mit seinem Hololens und Facebook mit Oculus Rift haben erst kürzlich demonstriert, wie in Zukunft Meetings im virtuellen Raum bzw. in der Augmented Reality aussehen könnten. Alle diese Beispiele zeigen: Die Technik verändert nicht nur die Art der Tätigkeit. Sie verändert auch den Raum, in dem die Arbeit ausgeführt wird.

Was ist Coworking?

Will man die Arbeitswelt der Zukunft also verstehen, ist der Arbeitsplatz genau der richtige Ort, um die Konturen dieses Wandels zu beobachten. Und genau an dessen Horizont türmt sich ein interessanter Trend auf, der auf eine weitere Veränderung der Arbeit hinweist: “Corporate Coworking” bzw. “Corpoworking”.

Es lehnt sich an “Coworking Space” an, das inzwischen fast allen Professionals ein Begriff sein dürfte. Noch gibt es keine verlässlichen Marktdaten über die junge Branche, deren Anfänge in Deutschland im Jahr 2005 liegt. Das Branchenportal www.deskmag.com, das im Jahr 2010 gegründet wurde, fasst unterschiedliche Untersuchungen zusammenfassen, so dass man einen guten Einblick über Stand und Perspektive des Coworking-Markts erhält. Dort wird geschätzt, dass weltweit 7.500 Coworking Spaces existieren, von denen über 200 Anbieter in Deutschland ihren Sitz haben. Tendenz steigend.

Wesentliches Merkmal von Coworking Space ist die Bereitstellung eines Arbeitsplatzes mit dazugehörigem Zugang zu Internet und technischem Equipment. Doch weitaus bedeutender und kennzeichnender ist die offene und kollaborative Arbeitskultur und -atmosphäre, die vernetztes Arbeiten zwischen den Coworking Space-Mitgliedern erst möglich macht. Viele Anbieter betreiben daher gezielt Community Management, um die Mitglieder aktiv zusammenzuführen. Gemeinsames Frühstück, Unternehmerinnen-Treff, Coworker bilden Coworker, Kickerturniere und viele weitere Aktivitäten werden angeboten. Coworking repräsentiert eine veränderte Arbeitskultur. Das Aufkommen von Corporate Coworking oder Corpoworking ist eine Erweiterung dieses Trends, der auf eine spezifische und spannende Entwicklung hinweist: Unternehmen übernehmen die Wesensmerkmale des Coworkings, um die betriebliche und überbetriebliche Wissensarbeit neu zu organisieren.

Corpoworking – in Frankreich ein Trend

Eine französische Personalberatung hat Corpoworking untersucht. Gibt man “Corpoworking” in Google als Suchbegriff ein, so verweisen die meisten Suchergebnisse daher auf Quellen in Frankreich und auf Französisch. “HR & D”, so heißt diese Personalberatung, hat mit der Studie eine bedeutende Grundlagenarbeit vollbracht. Untersucht wurden insgesamt sechs Corpoworking-Betriebe aus Frankreich, aus der Schweiz und aus Deutschland. Dabei wurden 62 Mitglieder interviewt. Darüber hinaus wurden Methoden der teilnehmenden Beobachtung eingesetzt. Die Studie resümiert, dass Corpoworking wesentlich mehr ist als ein Coworking Space. Es trägt zwar alle grundlegenden Eigenschaften von Coworking Spaces, besitzt aber weitere Merkmale und erfüllt innerhalb von Unternehmen ganz andere Funktionen.

Ein Unterscheidungsmerkmal zum klassischen Coworking ist, dass Corpoworking nur für eine bestimmte Zeit eingerichtet ist. Auch ist die Ausstattung weit großzügiger als in klassischen Coworking Spaces, da auch Datenschutz, Dokumentenmanagement oder unternehmensinterne Verwaltungsaufgaben gewährleistet werden müssen. Die Studie gelangt des Weiteren zum Schluss, dass es auf die Arbeitsnormen und die Arbeitskultur des Unternehmens Einfluss haben kann, unabhängig davon, ob dies vom betreibenden Unternehmen beabsichtigt ist oder nicht. Auch der Datenschutz hat einen ganz anderen Stellenwert. Schließlich geht es um Betriebsgeheimnisse. Schlussendlich ist Corpoworking keine Insel im betreibenden Unternehmen. Die Mitarbeiter unterliegen – trotz aller Freiheit, Mobilität und Offenheit – betrieblichen Arbeitsprozessen und Anforderungen, die sie erfüllen müssen.

Schreibtisch wird zum Innovationszentrum

Wenn Corpoworking in vieler Hinsicht an ein klassisches Coworking erinnert, ist sein Outcome und Nutzen für das Unternehmen und die Mitarbeiter ganz anders. Corpoworking wird zum Zentrum für Innovationen, in dem Mitarbeiter, Externe, Partner und Kunden an neuen Normen, Standards und Prozessen experimentieren und so eine neue Kultur und Identität schaffen, die das Unternehmen schrittweise auf unsichere Märkte und Rahmenbedingungen vorbereitet. Der Arbeitsplatz wandelt sich vom physischen Schreibtisch zu einem echten Innovationszentrum.

Das Magazin „Workplace Innovation“ ist eine Kooperation zwischen WorkInn und futureorg Institut.

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