Co-Housing: Eine Dorfgemeinschaft in der Stadt

Foto: Sunray (CC BY-SA 3.0)

Überfüllte Städte, Anonymität unter Nachbarn, ewige Parkplatzsuche, Lärm und Abgase. Für manche sind diese Eigenschaften typisch für eine Stadt. Dabei wird die Stadt ein immer wichtigerer Lebensmittelpunkt für die Menschen rund um den Globus. Für manche ist Co-Housing die Antwort. Doch die gute Idee wurde nicht bis zum Ende gedacht.

Folgt man einer Studie der Vereinten Nationen, dann wird erwartet, dass zwei von drei Menschen auf der Welt in einer Stadt leben werden. Aktuell leben rund 55% der Weltbevölkerung in den Städten. Dabei dominiert der nordamerikanische Kontinent: Über 80% der Kontinentbewohner versammeln sich dort in den Städten.

Während Urbanisierung ein Megatrend ist, der über Jahrzehnte andauern und auch die globale Entwicklung in diesem Jahrhundert stark beeinflussen wird, sind derweil Zivilgesellschaft, Staat und Unternehmen auf der Suche nach Lösungen für Probleme, die durch Urbanisierung verursacht werden. Urban Gardening, Vertical Farming oder verschiedene Strategien der Suffizienz sind solche Beispiele.

Co-Housing: moderne Interpretation der Dorfgemeinschaft

Diesen reiht sich ein weiterer Trend ein, besser eine Bewegung, die erst allmählich nach Deutschland schwappt: Co-Housing. Damit ist nicht gemeint, dass man sein Haus oder seine Wohnung fremden Menschen kostenpflichtig zur Verfügung stellt, wie es bei Airbnb der Fall ist. Co-Housing ist eine Solidargemeinschaft, die sehr stark auf privatem Eigentum beruht, gleichzeitig aber Gemeinschaftseinrichtungen betreibt. Wesentliche Merkmale von Co-Housing sind Selbstverwaltung, Gemeinschaftssinn und aktive Teilhabe an der Gemeinschaft.

Je nach Größe eines Co-Housing-Projeks ist es die moderne Interpretation einer Dorfgemeinschaft oder einer Großfamilie, in denen Paare und Familien jeweils im abgeschlossenen Wohnraum und in finanzieller Eigenständigkeit leben. Solche Projekte sind begrüßenswert. Denn sie erhöhen die Vielfalt der Möglichkeiten, das Leben in der Stadt und der damit verbundenen Lebensqualität zu erhöhen.

Co-Housing will die Vorteile dieser Wohn- und Lebensform nutzen, ohne die Nachteile des Stadtlebens in Kauf nehmen zu müssen. Insbesondere soll durch Gemeinschaftsräume wie Wohnküchen und gemeinschaftliche Haushaltsgeräte, Kinderspielräume oder Hobbyräume, die Effizienz des täglichen Lebens erhöht werden.

Gut für das Individuum, schlecht für die Nachhaltigkeit

In der Praxis zeigen sich allerdings eine Reihe von Nachteilen. Zum einen bleiben Co-Housing-Projekte auf hoch gebildete Menschen beschränkt. Soziale Gruppen in prekären Lebensumständen stehen oft außen vor. Zum anderen können solche Projekte zur Ausweitung der Pro-Kopf-Wohnfläche führen, was gegen die Prinzipien der Nachhaltigkeit verstoßen würde. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn beispielsweise jede Wohnung trotz Gemeinschaftsküche eine kleine Küche enthält bzw. sich durch Gemeinschaftsräume der Bedarf an umbauten Raum vergrößert. Dabei ist die sparsame Nutzung von Fläche, Baustoffen und Energie eine zentrale Forderung in der Nachhaltigkeitspolitik.

Auch darf gezweifelt werden, dass durch Co-Housing an den negativen Aspekten des Stadtlebens sich etwas grundlegend verändert. Weniger Lärm und Abgase wird es nur durch einen Umstieg der Stadtbewohner auf Fahrrad und E-Mobilität geben. Die viel beschriebene Anonymität unter Nachbarn wird sich nur in den Co-Housing-Projekten selbst ändern.

Über Team Eduard Pestel-Institut 21 Artikel
Ausgangspunkt der Gründung des Pestel Instituts waren die beiden ersten Berichte an den Club of Rome: "Grenzen des Wachstums" und "Menschheit am Wendepunkt". Heute sind wir als Forschungsinstitut und Dienstleister weiterhin der Tradition des wachstumskritischen Ansatzes aus dieser frühen Zeit des Instituts verpflichtet. In jüngster Zeit rücken dabei verstärkt Aspekte der Widerstandsfähigkeit oder Krisenfestigkeit von Systemen gegenüber Störungen (Resilienz) in den Vordergrund der Betrachtung. Mehr Wissen über www.pestel-institut.de
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