Umgang mit Nachbarn: Mehr gegenseitige Unterstützung oder (noch) mehr Anonymität?

Kennen Sie Ihren Nachbarn? „Bloß nicht zu viel Interesse zeigen, sonst muss man noch die Kellerreinigung übernehmen“, denkt sich manch einer vielleicht. Doch das ist nicht der einzige Grund, der das heutige Miteinander unter Nachbarn erklären kann. (Foto: rtr)

 

Kathleen Brüssow

 

Kennen Sie Ihren direkten Nachbarn? Nein? Gut, Sie und Ihr Nachbar haben einander sicher schon einmal „Guten Tag“ gesagt – das bedeutet aber noch nicht, einander zu kennen. „Guten Tag und guten Weg“ lautet oftmals die Devise im Umgang mit unseren Mitmenschen, die direkt nebenan wohnen. „Bloß nicht zu viel Interesse zeigen, sonst muss man womöglich noch Verantwortung für die Kellerreinigung übernehmen“, denkt sich manch einer vielleicht. Doch das ist nicht der einzige Grund, der das Miteinander unter Nachbarn von heute erklären kann. In kleinen Gesprächsrunden wurde in einer Veranstaltung über dieses Thema diskutiert und daraus wurden Schlüsse gezogen, welche Form die Nachbarschaft in Zukunft annehmen wird.

 

Es gab bei dieser ersten von fünf Veranstaltungen in Form von Begegnungsräumen Platz zum Austausch für die Themen Familie, Identität, Nachbarschaft, Ehrenamt und Stadtentwicklung. Im Rahmen der nächsten Veranstaltung, zu der man sich ab Anfang Januar anmelden kann, werden weiterführende Themen über die Zukunft der Gesellschaft und des Miteinanders besprochen. Die Teilnehmer der ersten Veranstaltung waren vielfältig und bestanden unter anderem aus Vertretern der Stadt Bochum, Arbeitgebern, Arbeitnehmern, Studenten und Hausfrauen. Jeder Teilnehmer konnte sich zu jedem der genannten Themen mit seinen persönlichen Erfahrungen einbringen, austauschen und im besten Fall seine Perspektive wechseln.

 

„Kennen Sie Ihren Nachbarn?!“

 

Zunächst lautete die Frage „Kennen Sie Ihren Nachbarn?!“, womit der direkte Nachbar im Gebäude bzw. im Aufgang gemeint war. Die meisten Diskutanten verneinten dies und einige waren auch unentschieden, da dies zwar für einige ihrer Nachbarn zuträfe, aber eben nicht für alle. Für Menschen, die aus eher ländlichen Gegenden kommen, erscheint dieser Zustand erschreckend. So ist es dort doch immer noch üblich, sich als Neuankömmling in der Nachbarschaft bei jedem persönlich vorzustellen. Aus Erfahrung berichtet ein Diskutant, er habe dies nach dem Umzug nach Dortmund auch getan und wurde nur belächelt oder zurückhaltend und distanziert begrüßt. Die Erfahrungen der Teilnehmer lassen eher den Schluss zu, dass das Zusammenleben mit den Nachbarn in Zukunft eher nebeneinander statt miteinander stattfinden wird.

 

Mobilität, Technologisierung und Schnelllebigkeit erhöhen Anonymität unter Nachbarn

 

Mehr Mobilität, das heißt, man ist nicht mehr so stark örtlich gebunden wie in früheren Generationen. Man kann schnell seine Freunde bzw. Verwandte in anderen Vierteln bzw. Städten besuchen – ausgesucht über gemeinsame Interessen bzw. Bedürfnisse. Oder man hat sie über soziale Netzwerke überall auf der Welt. Direkten Kontakt herzustellen ist auch viel einfacher als früher und per Telefon bzw. Internet möglich – man ist dadurch nicht mehr so stark auf den Austausch mit Nachbarn angewiesen wie in der Vergangenheit. Aktive Nachbarschaft bedeutet auch ein Geben und ein Nehmen: Man gibt, indem man Verantwortung für die Gemeinschaft, also Pflichten, übernimmt – aber was nimmt man? Auf das offene Ohr oder den guten Zuspruch des Nachbarn ist man nicht mehr angewiesen in Zeiten von sozialen Netzwerken und ständiger Erreichbarkeit. Praktisch ist jedoch, dass die nette Seniorin von nebenan regelmäßig mein Paket annimmt, wenn man selbst arbeiten muss.

 

Oder man sich einen Korkenzieher ausleihen will, oder, oder… es gibt sie noch, die kleinen Annehmlichkeiten, die mit guter Nachbarschaft verbunden sind!

 

Werteverlust vs. Wertewandel im Zusammenleben unter Nachbarn

 

Weniger Hilfsbereitschaft, mehr Misstrauen, man lebt nebeneinander her – nicht miteinander, glauben die meisten. Gegenseitige Unterstützung z.B. bei der Kinderbetreuung durch Ältere oder bei Einkäufen und Botengängen durch Jüngere für Ältere, wird es von Nachbar zu Nachbar in Zukunft immer seltener geben, diesbezüglich waren sich die meisten Gesprächsteilnehmer einig.

 

Den Trend zur Individualisierung und Schnelllebigkeit sehen einige der Teilnehmer als Werteverlust, andere hingegen sehen darin eher einen Wertewandel. Damit einher geht eine veränderte Sichtweise auf die Funktion der eigenen Wohnung. Sie dient vielen eher als funktionaler Wohn- und Schlafraum, nicht als Teil eines sozialen Netzwerks von Nachbarn (ja, nicht facebook!). Dies gilt vor allem für Studenten und Berufseinsteiger, die öfter in ihrem Leben umziehen, z.B. im Zuge des Bologna-Prozesses, aber auch bedingt durch einen mobileren Arbeitsmarkt bzw. befristete Arbeitsverhältnisse. Wer weiß, dass er nur ein, zwei Jahre in einer Stadt bleibt, macht sich meist nicht die Mühe, ein gutes Verhältnis zu den Nachbarn aufzubauen – selbst, wenn man es eigentlich schätzt.

 

Für einige dient die Wohnung auch als eine Form des Schutzraums bzw. eines Rückzugsortes. Keinen Kontakt zu den Nachbarn pflegen zu müssen, bedeutet manchem daher einen Gewinn an Lebensqualität. Als Konsequenz aus diesem Wertewandel wird von einigen Teilnehmern erwartet, dass der Staat Maßnahmen zur Kompensation der fehlenden Anteilnahme einführt bzw. staatliche Dienstleistungen zur Kinder- bzw. Seniorenbetreuung ausbaut.

 

*Dieser Artikel ist entstanden im Rahmen des Projekts „TRANSVER Offensive“ (www.transveroffensive.de). Das Projekt verfolgt das Ziel, Matchingprozesse zwischen Menschen mit Migrationshintergrund und Organisationen zu verbessern, Vorurteile und Barrieren abzubauen und Ressourcen zu aktivieren, um Diskriminierung insbesondere auf dem Arbeitsmarkt abzuwehren und ihnen entgegenzuwirken. Es wird gefördert im Rahmen des XENOS-Programms „Integration und Vielfalt“ durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und den Europäischen Sozialfonds.

 

Am 25. November fand zum ersten Mal eine Veranstaltung aus der Reihe „Begegnungsräume” in Dortmund statt. Sie ist Teil des „TransVer-Projekts“. Der nächste Begegnungsraum wird am 5. Februar 2014 zum Thema „Arbeit, Wirtschaft und Wissen“ in Dortmund stattfinden.

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