Suffizienz: Luxus durch Weniger

„Mehr ist mehr, das weiß doch jeder!“ – Diese Aussage von Harald Glööckler, einem extravaganten Modedesigner, verdeutlicht die normale Denkweise in der Bevölkerung – „Haste was, dann biste was“ oder „Mein Haus, mein Auto, mein Boot, …“

Nachhaltige Entwicklung sieht anders aus. Statt einer Steigerung des Konsums, mit dem ein hoher Energie- und Ressourcenverbrauch einhergehen, wird ein geringerer Verbrauch angestrebt. Stichwörter sind: Steigerung der Effizienz, Entschleunigung des Lebens- und Arbeitsalltags und schließlich Weniger im Verbrauch und im Konsum. In der Fachwelt spricht man von Suffizienz, das im Lateinischen für „genügen“ und „ausreichen“ steht.

Statt das schnelle Auto und das große Haus…

Es ist also wichtig, dass der Bürger bei einer Verringerung seines Konsums einen Zugewinn assoziiert. Aus „weniger“ muss im subjektiven Empfinden ein „mehr“ gemacht werden. Weniger materieller Konsum muss ein Gefühl von Luxus auslösen – das Gefühl, etwas zu haben, was über das übliche Maß hinausgeht und Status verschafft.

Bislang war es das große Haus, das schnelle Auto und das aktuelle Smartphone. Aber wie kann man gegen diese Entwicklung antreten und Suffizienz erreichen?

Das geht! Hier sind zwei Beispiele für Sparen im Großen ohne Verzicht auf Luxus: Die Fahrt mit dem ICE kostet im Normalpreis und einer Bahncard 50 15 Cent pro Kilometer. Bei zwei Personen macht das 30 Cent je Kilometer.

Für den gleichen Komfort (gute Straßenlage, leise und Zeitvorteil) muss der Autofahrer in ein Mittelklasse-Auto einsteigen. Der ADAC veranschlagt für so ein Gefährt 40 Cent je Kilometer. Bei angenommenen 15.000 Kilometern pro Jahr sparen zwei Personen durch die Nutzung der Bahn in zehn Jahren 15.000 Euro. Das macht eine Ersparnis von 4,11 Euro jeden Tag. Zudem haben sie im Zug Zeitluxus. Wo sonst kann man bequem sitzen, sein liebstes Heißgetränk zu sich nehmen, ein Buch lesen oder für die Arbeit noch etwas erledigen? Außerdem benötigt der ICE von Hannover nach München 4,5 Stunden für 600 km. Mit dem Auto sind inklusive Pausen rund sieben Stunden normal.

Auf das dritte Zimmer verzichten

Das zweite Beispiel: Zwei Personen verfügen in Deutschland über durchschnittlich 90 Quadratmeter Wohnraum. Dabei wird das meist vorhandene dritte Zimmer entweder für das Abstellen wenig genutzter Dinge verwendet oder es dient als Gästezimmer.

Wenn man nun auf das dritte Zimmer verzichten und die Wohnung auf 75 Quadratmeter verkleinern würde, erbringt dies eine Ersparnis von 6,50 Euro je Quadratmeter. In zehn Jahren spart man stolze 11.700 Euro. Das macht eine Ersparnis von 97,50 Euro im Monat oder 3,21 Euro jeden Tag.

Man sieht: Der Übernachtungsbesuch kann für diese eingesparte Summe in einer Pension oder ein Hotel untergebracht werden. Die Gäste können Luxus genießen. Im Falle einer Eigentumswohnung hingegen spart der Käufer einer 75 Quadratmeter-Wohnung (statt 90 Quadratmeter) bei günstigen Kosten von rund 2.000 Euro pro Quadratmeter etwa 30.000 Euro.

Beide Beispiele ergeben für zwei Personen in zehn Jahren ein Ersparnis von 26.700 Euro oder 7,32 Euro pro Tag. Dieser Betrag kann ohne Verzicht auf Luxus auf das eigene Konto gelegt werden.

Vorsicht: Weniger Konsum kann weniger Erwerbsarbeit bedeuten

Wird es ausgegeben, dann ist zu beachten, dass diese im Sinne nachhaltiger Entwicklung für Produkte oder Dienstleistungen mit niedrigem Energie- und Ressourcenverbrauch ausgegeben werden. Man sollte möglichst auf Flugreisen verzichten.

Und: Durch eine Veränderung des Konsums darf es nicht zu einer deutlichen Senkung des Arbeitsaufwands kommen, der für die eingesparten Produkte und Dienstleistungen aufgewendet werden würde, um keine Arbeitslosigkeit zu erzeugen. Denn Arbeit ist vermittelt über das Einkommen notwendig zur Teilhabe am sozialen Leben, der ökonomische und soziale Teil der nachhaltigen Entwicklung. Denn weniger Konsum kann weniger Erwerbsarbeit bedeuten.

Deshalb wird für den Erwerb von arbeitsintensiven Luxusgütern plädiert: Kunst oder Kunsthandwerk, echte Teppiche oder Schmuck. Die Wohnfläche schrumpft zwar, aber der wahrnehmbare Luxus steigt – auch für den Besucher. Es steht kein Auto mehr vor der Tür, aber neben Zeitwohlstand können Mittel für Luxus ausgegeben werden, die im Normalfall nicht da sind. In Anspielung auf die Aussage von Harald Glööckler ist also mehr entstanden, ohne mehr auszugeben. Wenn man es richtig anfängt. Luxus, also etwas, was über das Normale hinausgeht, ist demnach auch durch Suffizienz möglich.

Über Dieter Behrendt 3 Artikel
Dieter Behrendt ist Diplom-Geograph. Er arbeitet am Eduard Pestel-Institut für Systemforschung und am Ecolog-Institut. Nachhaltigkeitsforschung und –bewertung, Risiko- und Resilienzforschung (Krisenfestigkeit), Politik- und Unternehmensberatung zu Risikomanagement
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