Reaktionismus als soziale Innovation: Wer trinkt schon Instant Coffee?

Wenn mir jemand Kaffee anbietet und nicht vorher sagt, dass es sich um löslichen Kaffe handelt, dann nehme ich es ihm übel. So einfach muss mein Kaffeegenuss wirklich nicht werden. (Foto: pixabay)

Im Flugzeug auf der Reise nach Frankreich habe ich nach Kaffee gefragt. Die Stewardess wollte mich sofort bedienen. Ein kurzer Griff auf die Termoskanne und fast wäre es geschehen, da unterbrach ich die hübsche Frau, um kurz noch eine Frage zu klären.

„Was ist da drin?“. Die verdutzte Stewardess stockte kurz, als wäre ihr etwas im Halse stecken geblieben. Ich habe die Frage so drastisch gestellt und damit die nette Frau so abrupt gebremst, dass sie dachte, ich würde denken, sie wolle mich mit etwas Gefährlichem vergiften.

„S..Sie wollten doch Kaffe, oder?!“ fragte sie leicht entsetzt. Mein Sitznachbar guckte mich von der Seite an, fast schon beschuldigend. Ich lächelte die Stewardess an, zwei Sekunden lang und beobachtete dabei Ihre Mimik genau. Dann stellte ich erst die Frage: „Haben Sie den Kaffee auch selbst gebrüht?“ Die Stewardess hatte soeben vielleicht die strengste Situation ihres Lebens bezüglich eines einfachen Kaffeeausschanks. Dann verging die steife Haltung in eine weichere über und sie antwortete mir in Routine „Das ist löslicher Kaffee, darf ich Ihnen etwas anderes anbieten?“

Es kam zur Cola Light mit Zitrone.

Als die Stewardess ihren Fehler erkannte

Worauf ich hinaus wollte ist der Augenblick, in dem die Stewardess erkannt hat, dass es natürlich nicht in Frage kommt, wenn jemand nach Kaffe fragt, ihm heutzutage löslichen Kaffee anzubieten, ohne ihn vorher vorgewarnt zu haben.

Der lösliche Kaffee war vermutlich seiner Zeit eine Revolution in der Lebensmittelwelt. Heute ist dieser Trend futsch. Alle innovativen Menschen sind zurück gekehrt zur Bohne, sei es in frisch gemahlener Form, oder als die röstige Bohne. Die vielen Tricks um einfachen Kaffee sind einfach uninteressant für die Leute und der Genuss dieser Kaffees eine Zumutung.

Natürlich kann ein 3-in-1 Kaffee auch munden, aber cool ist es nicht. Innovativ erst recht nicht. Die Leute fahren ab auf spezielle Kaffees mit einem Milchschaum auf der Decke, auf dem man Formen ziehen kann.

Heute streiten sich die innovativen Personen um die exakte Herkunft der Bohne und die Art der Herstellung. Je mehr Vintage, desto hübscher der Alltag, umso herrschaftlicher der Genuss und stylischer die Fotos in den Social Networks.

Also, löse dich auf löslicher Kaffee. Mach Platz für die echte Bohne!
Über Hüseyin Topel 12 Artikel
Hüseyin Topel, Jg. 1990, ist Journalist, Karikaturist und Regisseur. Auf Forgsight schreibt er in seiner eigenen Rubrik über Themen der Gesellschaft rund um sozialen Innovationen. Er hat an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf Medien- und Kulturwissenschaften studiert.

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