Demografie: Eine Trendwende?

Nach über zehn Jahren sind in Deutschland mehr als 700.000 Kinder auf die Welt gekommen. Ist damit die Trendwende erreicht? (Foto: Bundesarchiv)

Das Bundesamt für Statistik hat am vergangenen Freitag neue Zahlen zum Stand der demografischen Entwicklung veröffentlicht. Große Überraschung: Im Vergleich zu 2013 sind 2014 über 33.0000 Kinder mehr auf die Welt gekommen und erreichte damit 714.966 Lebendgeborenen.

Nach 2004 hat das Land damit nach zehn Jahren erneut die Marke von 700.000 geknackt. 1990 betrug die Zahl der Neugeborenen knapp eine Million. Seitdem ist sie bis 2013 kontinuierlich gesunken. Bedeutet die Zunahme der Lebendgeborenen nun eine Trendwende?

Die Schrumpfung der Bevölkerung hält seit 25 Jahren an

Die Antwort ist einfach: Nein! Das ist keine Trendwende. Stellt man die Zahl der Gestorbenen gegenüber, dann reicht die Zahl der Neugeborenen nicht auf, den demografischen Schwund auszugleichen.

Sind 1990 noch über 15.000 Kinder zu wenig geboren, vervielfachte sich dieser Differenzwert fünf Jahre später. 1995 fehlten knapp 120.000 Kinder, 2013 fehlten über 211.000 Kinder, 2014 verringerte sich diese Differenz auf etwa 153.000 Kinder, die fehlten, um die Zahl der Gestorbenen zu kompensieren.

Die Schrumpfung der Bevölkerung hält nun mehr seit knapp 25 Jahren an. Eine Abbremsung an einem Jahr ist keine Trendwende nicht einmal eine Tendenz. Über diese reinen Zahlen hinaus kommen noch tiefgreifende Fragen hinzu: In welchen Regionen sind die meisten Geburten und die meisten Sterbefälle? In welche sozialen Statuse werden die Kinder hineingeboren? Wie viele von ihnen haben einen Migrationshintergrund?

neugeborene sterbefälle
Bundesamt für Statistik, 21.8.2015

 

Leitvision statt Leitkultur

Die demografische Entwicklung bedeutet nicht nur die Alterung und Schrumpfung der Gesellschaft. Sie verursacht eine Verschiebung der Sozialstruktur. Das ist wie eine tektonische Platte, die ein Erdbeben auslöst, weil sie sich verschiebt.

In meinem Beitrag “Leitvision statt Leitkultur: Warum die deutsche Integrationspolitik in der Zukunft scheitern wird…!” weise ich bereits 2009 auf diese Entwicklung hin, von der ich allerdings der Meinung bin, dass sie über die ethnische Dimension hinaus betrachtet und bewertet werden. Diese verengte Betrachtung trägt nicht zur Lösung des Problems bei. Die fundamentale Frage lautet: Was muss sich in diesem Land ändern, damit die Menschen aber vor allem die Frauen sich für ein Kind entscheiden?

Über Kamuran Sezer 67 Artikel
Kamuran Sezer, Jg. 1978 und Diplom-Sozialwissenschaftler, ist seit 2006 als Trend- und Zukunftsforscher tätig. Mit seinem futureorg Institut berät und forscht er zum Wandel in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Weitere Informationen finden Sie unter www.kamuran-sezer.com

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  1. forgsight.com – Demografie: Wieso haben Deutsche 2014 mehr Kinder bekommen?

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