Arbeitszeitverkürzung: Sie hat funktioniert

Arbeitszeitverkürzung sicherte in der letzten Wirtschaftskrise rund 1,3 Millionen Jobs. Dank ihr konnte der wirtschaftliche Einbruch zu knapp 90 Prozent abgefedert. Zu dieser Erkenntnis kommen Forscher der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. (Foto: Buonasera , CC BY-SA 3.0)

Die Finanzkrise 2007/08 schmetterte die Weltwirtschaft in eine tiefe Krise. Führende Wirtschaftsnationen gingen unkonventionelle Wege, um ihre Folgen abzufedern. In Deutschland stellte die Arbeitszeitverkürzung eine wichtige Maßnahme dar. Eine Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung kommt nun zum Ergebnis: Arbeitszeitverkürzung sicherte rund 1,3 Millionen Arbeitsplätze. (Foto: Buonasera , CC BY-SA 3.0)

Arbeitszeitverkürzung hat in der jüngsten Rezession mehr als eine Million Stellen gerettet. Als Puffer hat sie dafür gesorgt, dass der wirtschaftliche Einbruch nur zu rund einem Zehntel auf die Beschäftigung durchgeschlagen hat. Zum Vergleich: in vorangegangenen Wirtschaftskrisen war der Negativ-Effekt dagegen zwei bis vier Mal stärker. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung. Möglich gemacht haben das Mitbestimmung und Sozialpartnerschaft, sind die Autoren überzeugt.

 

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Um mehr als sechs Prozentpunkte brach das deutsche Bruttoinlandsprodukt 2009 während der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise ein. Ein heftiger Rückgang der Beschäftigung wäre zu erwarten gewesen, doch Massenentlassungen blieben aus. Was ist geschehen? Die IMK-Forscher Dr. Alexander Herzog-Stein und Dr. Fabian Lindner sowie Simon Sturn von der University of Massachusetts haben die Vorgänge auf dem Arbeitsmarkt analysiert und mit den Folgen früherer Rezessionen verglichen. Ergebnis: Neben der staatlichen Kurzarbeit waren es vor allem Arbeitszeitkonten und die Reduzierung der tariflich vereinbarten Arbeitszeiten, die Jobs gerettet haben, insgesamt 1,3 Millionen Stellen.

Arbeitszeitkonten haben in der jüngsten Krise viel Jobs gerettet. (Quelle: Hans-Böckler-Stiftung)

Das zeigt der Vergleich mit früheren Krisen. Ob nach den Ölkrisen der 1970er-Jahre oder nach dem Platzen der Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende: Stets wurden – in Relation zum Rückgang der Wirtschaftsleistung – mehr Arbeitnehmer entlassen. Der Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität schlug sich zu knapp 30 bis 50 Prozent in Kündigungen nieder (siehe Grafik). In der letzten Krise, der „Großen Rezession“, „übersetzten“ sich hingegen lediglich zwölf Prozent des Produktionsrückgangs in Entlassungen, so die Forscher. Ihre Analyse ist soeben in der renommierten Fachzeitschrift Oxford Economic Papers erschienen.

Grund: Sozialpartnerschaft

Die sozialpartnerschaftlich ausgehandelten Modelle zur Arbeitszeitflexibilisierung waren so weit ausgereift, dass „in den meisten Firmen eine Krisenstrategie zum Einsatz kam, die darauf setzte, eine Zeit lang die Produktion zu drosseln, statt Beschäftigte auf die Straße zu setzen“. Mit eingespielten Belegschaften und ohne gesamtwirtschaftliche Schocks durch hohe Arbeitslosigkeit und damit verbundene Nachfrageverluste konnte die Wirtschaft in Deutschland danach deutlich schneller in den Aufschwung starten als in anderen Staaten.

Der Ursprung für tarifvertragliche Arbeitszeitinstrumente wie Arbeitszeitkonten und zeitweilige Veränderungen der Regelarbeitszeit geht der Studie zufolge auf Verhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie in den 1980er-Jahren zurück. Hier sei der Grundstein gelegt worden, um konjunkturellen Rückschlägen mit kollektiv vereinbarten Arbeitszeitinstrumenten entgegenwirken zu können. Im Jahr 2009 bestand bereits für die Hälfte aller Beschäftigten eine Möglichkeit der Arbeitszeitanpassung, in der Industrie habe die Quote sogar deutlich höher gelegen, schreiben die Wissenschaftler.

Faire Regeln und verbindliche Rechte

Daran hätten Mitbestimmung und deutsches Tarifvertragssystem einen wesentlichen Anteil. „Wenn es faire Regeln und verbindliche Rechte gibt, sichert das ein Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern“, sagt IMK-Ökonom Lindner. Nur auf dieser Basis wird Flexibilität als Einrichtung zum beiderseitigen Vorteil akzeptiert, und das wirkt sich positiv aus – nicht nur, aber auch in der Krise.“ (boeckler/forgsight)

ZUM FACHARTIKEL + BESTELLUNG STUDIE
Alexander Herzog-Stein, Fabian Lindner, Simon Sturn: The German employment miracle in the Great Recession: the significance and institutional foundations of temporary working, Oxford Economic Papers. Abstract: https://academic.oup.com/oep/article-abstract/doi/10.1093/oep/gpx047/4582319?redirectedFrom=fulltext

Interessierte Journalistinnen und Journalisten erhalten die Studie, wenn Sie eine Mail an presse@boeckler.de schreiben.

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