Offene Gesellschaft: Kampf der Kulturalisten, nicht der Kulturen

Foto: London School of Economics and Political Science // Portraitfoto von Sir Karl Popper

Kampf der Kulturen? Für Mark Hokamp gibt es ihn nicht. Vielmehr gäbe es einen Kampf der Kulturalisten, die einen Kampf der Kulturen anstreben. Sie sind die Feinde der offenen Gesellschaft.

Man könnte meinen, in diesen Zeiten würde sich der von Samuel Huntington prophezeite Kampf der Kulturen bewahrheiten. Steigende Umfragewerte und beunruhigende Wahlergebnisse von Rechtspopulisten und völkischen Parteien, die Wahlweise im Namen des Deutschtums, des christlichen Abendlandes oder anderer vermeintlich originär europäischer Werte opponieren auf der einen Seite. Terrorismus im Namen des Islam in Europa und die vermeintliche Gefahr, die von immer mehr Flüchtlingen aus nicht-europäischen Ländern ausgeht, auf der anderen Seite.

Auch das weitere Machtgebaren eines putinschen Russland und der Türkei unter Präsident Erdogan scheinen in das Weltbild der Bruchlinienkonflikte zu passen. In Berg Karabach wird schon ein religiös überladener Stellvertreterkrieg zwischen dem christlich-orthodoxen Russland als Unterstützer des ebenfalls christlichen Armeniens und dem von der muslimischen Türkei unterstützten wiederum muslimischen Aserbaidschan herbeigeschrieben.

Kulturen, die an Bruchlinien im Nahen Osten oder den europäischen Vorstädten aufeinanderprallen. So oder so ähnlich könnte man die momentane Konfliktlage zeichnen. Dass es sich dabei um einen Kampf der Kulturen handelt, ist ein Fehlschluss der von denjenigen gezogen wird, die eben genau diesen Kampf der Kulturen herbeisehnen. Wenn Menschen über den Kampf der Kulturen schreiben oder sich bei der Beschreibung von Kriegen auf diesen berufen, dann handelt es sich dabei mehr um eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, als um eine Problemanalyse.

Es ist kein Kampf der Kulturen, sondern ein Kampf von einzelnen Individuen im Namen von Kulturen. Dieser Kampf, der im Namen eines vermeintlich höheren, nämlich einer viele Menschen vereinende Kultur oder Religion, geführt wird, dient zumeist der Gewaltlegitimation des Einzelnen. Es ist kein Kampf der Kulturen, sondern der Kulturalisten.

Was meint Huntingtons Kampf der Kulturen?

Samuel Huntington hat mit seinem Werk „Kampf der Kulturen“ viel Aufsehen erregt und auch tatsächliche Gefahren aufgezeigt. Anhand von an so genannten Bruchlinien verlaufenden Konflikten hat er versucht, sich abzeichnende Gefahren für den Weltfrieden aber auch für die innere Sicherheit von Staaten mit heterogenen Bevölkerungen darzustellen, wie etwa in Frankreich oder auch Deutschland.

Huntington glaubt, den Kampf der Kulturen dabei anhand der Balkankriege belegen zu können. Er beschreibt die diese als ein sich auf kleinem Raum verdichtenden Konflikt der Kulturen. Ein Stellvertreterkrieg der Großkulturen. So hätten trotz Konflikten untereinander sowohl die Türkei, als auch der Iran und Saudi-Arabien die bosnischen Muslime finanziell und militärisch unterstützt. Das katholische Kroatien wäre vom ebenfalls mehrheitlich katholischen Deutschland unterstützt worden, die christlich-orthodoxen Serben wiederum vom christlich-orthodoxen Russland und dem ebenfalls orthodoxen  Griechenland.

Nicht Kulturen, sondern Individuen bekämpfen einander

Liest man diese Annahme von Huntington, so scheint sich die befürchtete Angst vor einem Kampf der Kulturen zu bestätigen. Was aber eine offene Gesellschaft von einem individualistischen Menschenbild ausgehend bewältigen muss, ist diesen Konflikt entlarven als das was er ist: Eine individuelle Gewaltlegitimation von Machthabern und ihren Anhängern. Es handeln Individuen, keine Großgruppen.

Erst wenn sich Kulturalisten zu einem größeren Verband zusammenschließen, entsteht die wirkliche Gefahr für die offene Gesellschaft und für das friedliche Zusammenleben. Dann nämlich, wenn diese beginnen, im Namen der eigenen Kultur zu handeln, und die eigene Gewalt legitimieren. Wenn rechtsradikale Kulturalisten Flüchtlingsheime angreifen, wenn islamische Kulturalisten Anschläge verüben oder wenn linksextreme Kulturalisten im Namen der Arbeiterklasse oder der Unterdrückten Gewalt anwenden. Selbst Minderheiten schaffen es, sich auf diesem Wege als Volksbewegung zu gerieren und die eigene Kultur, der sie angehören für eigene kulturalistische Gewaltexzesse zu missbrauchen und diese in gewisser Weise in Geiselhaft zu nehmen.

Extrem gefährlich und einem Kampf der Kulturen gleichkommend wird eine solche Entwicklung dann, wenn mehr Menschen sich von einer offenen und freiheitlichen Gesellschaft nicht mehr ausreichend verteidigt sehen und so die Kulturalisten des eigenen Kulturkreises als eine effizientere Verteidigung der individuellen Sicherheit sieht, als dies die Sicherheitskräfte des demokratischen und offenen Rechtsstaates leisten könnten.

So hat bereits Ludwig von Mises geschrieben, dass Teile des Mittelstandes sich in den 1930er Jahren deshalb den Faschisten angeschlossen hätten, da diese sich durch die staatlichen Sicherheitskräfte nicht ausreichend vor den Kommunisten geschützt sehen würden. Eine ähnliche Gefahr droht nun, wenn die offene Gesellschaft die Gefahr, die von den Kulturalisten im eigenen, wie auch im fremden Kulturkreis ausgeht unterschätzt, dieser nicht im Rahmen rechtsstaatlicher Mittel entgegentritt und das Feld der inneren Sicherheit rhetorisch den Kulturalisten überlässt.

Die offene Gesellschaft der zweiten Chancen und des starken  Rechtsstaats

Warum sind aber kulturalistische Ideologien überhaupt für einige Menschen als Lebensentwurf akzeptabel und erstrebenswert? Die Ursachen können vielfältig sein. Die grundsätzliche Lust an Gewalt, die Perspektivlosigkeit und Überforderung in einer offenen Gesellschaft oder einfach die schiere Not, die eigene kulturelle Gruppe als besseren Schutz für die individuelle Sicherheit zu sehen. Der Einzelne der stets die Wahl hat zwischen der offenen Gesellschaft und dem Weg in den Kulturalismus muss die offene Gesellschaft schlicht in einem Wettbewerb mit den Kulturalisten das bessere Angebot machen.

Dafür muss unsere Gesellschaft wieder zu einer wirklich offenen Gesellschaft werden, in der der Einzelne, in seinem Selbstbewusstsein gestärkt und in den Mittelpunkt gestellt wird. Jeder Bürger muss wieder Teil unserer arbeitsteiligen Gesellschaft werden können. In ökonomischer, bildungstechnischer und kultureller Hinsicht. Dazu müssen die Hürden bei der Partizipation an unserer Gesellschaft abgebaut werden Die Beschränkungen auf dem Arbeitsmarkt, wie Mindestlöhne und ein, unflexibles und hierarchisches Bildungssystem müssen aufgebrochen werden. Bildungs- und Arbeitsmarktchancen dürfen nicht von der Herkunft oder dem Mileu abhängen. Neben einer liberaleren Politik ist dabei zivilgesellschaftliches Engagegement erforderlich, wie z.B. durch Social Entrepeneurship. So bringt zum Beispiel der Verein „Rock your Life“ über Patenschaften Studenten und Hauptschüler zusammen und trägt so zu einer Öffnung der Milieus bei.  Die offene Gesellschaft muss besonders für die Schwächsten attraktiv bleiben und diesen keine Hürden aufbürden, die sie im Zweifel in die Arme der Kulturalisten treiben.

Nicht zulassen: Aus dem Kampf der Kulturalisten einen Kampf der Kulturen

Auch diejenigen, die bereits den kulturalistischen Weg gegangen sind, muss die Türe zurück offen gehalten werden. Ein Beispiel dafür ist das Projekt EXIT, durch das vormals Rechtsextreme beim Ausstieg aus der Neonazistischen Szene geholfen werden soll. Auf der anderen Seite muss den Kulturalisten, die der offenen Gesellschaft den Rücken endgültig gekehrt haben, entgegen getreten werden. Dazu braucht es einen starken Rechtsstaat, der  in seiner freiheitlichen Kernaufgabe gestärkt wird, nämlich das friedliche Zusammenleben in  einer offenen Gesellschaft zu gewährleisten.

Es muss verhindert werden, dass Menschen einer offenen Gesellschaft in den Kulturalisten die effizientere Schutzmacht der eigenen Sicherheit sehen. Die innere und äußere Sicherheit darf rhetorisch nicht den Kulturalisten überlassen werden. Es ist kein haltbarer Zustand wenn linke Kulturalisten für sich deklarieren können, Flüchtlinge besser vor rechter Gewalt zu schützen als der Staat, wenn rechte Kulturalisten sich als Schutzmacht des kleinen Mannes vor islamistischen Anschlägen oder den linken „Chaoten“ gerieren oder wenn sich islamistische Kulturalisten als bessere Repräsentanten der Zuwandererjugend anbieten.

Schaffen wir dies nicht und überlassen in der Debatte und im Handeln Kulturalisten das Wort, so kann der von den Kulturalisten angestrebte Bürgerkrieg mehr als nur eine böse Ahnung werden. Erst wenn den Kulturalisten ein solches Szenario gelingt, können sie ihren Krieg als einen tatsächlichen Kampf der Kulturen deklarieren. Erst wenn die Angehörigen der eigenen kulturellen Gruppe nur noch durch radikale Kräfte dieser Gruppe geschützt werden, haben die Kulturalisten die Macht,  den Kampf der Kulturalisten in einen Kampf der Kulturen zu wandeln.

Über Mark Hokamp 4 Artikel
Mark Hokamp hat ein Bachelorstudium der Chinastudien absolviert und studiert momentan Rechtswissenschaften und Chinesisches Recht an der Universität Göttingen. Neben seinem Studium hat er in verschiedenen liberalen Thinktanks als Praktikant gearbeitet und veröffentlichte in diesem Zusammenhang Blogbeiträge und Publikationen zu vorwiegend wirtschaftlichen und politischen Themen.

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