Genossenschaft: Lasst Flüchtlinge sich selbst helfen

Wie können Tausende, vielleicht Millionen von Menschen dauerhaft mit uns zusammen leben? Wie können die Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt integriert werden? Wie verhindert man, dass sie dauerhaft von staatlicher Alimentierung abhängig sind, und wie schafft man die Grundlage, auf der sie ein Leben in Selbstbestimmtheit führen können?

Natürlich kommen viele gut qualifizierte Ärzte und Ingenieure, aber eben auch viele Menschen ohne eine Ausbildung. Davon sprechen die meisten unsere Sprache nicht, sind unsicher, einige traumatisiert. Die Frage der Integration in den Arbeitsmarkt ist dabei nicht die einzige Herausforderung. Wie finden diese Menschen dauerhaft ein eigenes Dach über dem Kopf, wie finanzieren sie ihr täglich Leben, wie lernen sie möglichst schnell die Sprache?

Dezentrale Lösung: Genossenschaften

Je größer und vielfältiger die Herausforderungen sind, desto dezentraler und individueller müssen die Lösungsansätze sein. Eine zentralstaatliche fit-for-all Lösung wird den vielfältigen Problemen nicht gerecht. Die Hilfsbereitschaft der vergangenen Monate zeigt hingegen sehr deutlich, wo eine Lösung liegen kann: Die Synergieeffekte zwischen den vielen freiwilligen Flüchtlingshelfern und den Neuangekommenen müssen über die erste Willkommenseuphorie hinweg gerettet werden. Eine Form, die sich dafür anbieten würde, ist altbewährt in unserem Land: die Genossenschaft.

Folgen Sie forgsight.com auf FacebookDer Genossenschaftsgedanke verbindet zivilgesellschaftliches Engagement mit ökonomischer Tatkraft, Solidarität mit Unternehmergeist. In diesem Kontext würden die Flüchtlinge nicht mehr bloß als Bittsteller und Almosenempfänger in Erscheinung treten, sondern als eigenständige Individuen, die sich in freiwilliger Kooperation zusammenschließen, um ihre Notlage zu lösen.

Dabei könnten die Betätigungsbereiche so vielfältig sein wie die Probleme, die sich den Flüchtlingen nach ihrer Ankunft tagtäglich stellen. Diejenigen Helfer, die heute noch am Münchener Hauptbahnhof Wasserflaschen und Spielzeug an die Flüchtlinge verteilen, können morgen schon mit diesen gemeinsam eine Genossenschaft gründen. Während die Syrer, Afghanen und Eritreer in ihren überfüllten Flüchtlingsunterkünften sitzen, könnten sie schon an der Gründung von Wohnungsbaugenossenschaften arbeiten, um gemeinsam Eigenheime und Wohnungen zu finanzieren. Irakische Ärzte würden von ihren deutschen Kollegen ganz unabhängig von staatlicher Planung über eine Ärztegenossenschaft in das Berufsleben integriert.

Mit Kreditgenossenschaften Geldknappheit der Flüchtenden lösen

Auch die Problematik, Tausenden von Menschen unsere Sprache nahe zu bringen, muss keineswegs Aufgabe zentral gelenkter staatlicher Organe sein. Um die Sprachprobleme möglichst lebensnah und individuell zugeschnitten lösen zu können, böte eine Bildungsgenossenschaft ideale Voraussetzungen. Freiwillige oder von den Genossenschaften bezahlte Sprachlehrer gehen dann jeweils auf die der Genossenschaft angehörenden Flüchtlinge individuell ein. Gemeinwohlorientierte Bildungsgenossenschaften existieren bereits zum Zwecke der Sprachförderung, wie die Bildungsgenossenschaft Südniedersachsen in Göttingen.

Die Geldknappheit, unter der die meisten Flüchtenden leiden, könnte durch gemeinsame Kreditgenossenschaften gelindert werden. In einem solchen rechtlich gesicherten Rahmen bekämen Flüchtlinge Zugang zu Finanzierungsquellen entweder aus Geldern anderer Flüchtlinge, aktiver Flüchtlingshelfer, externer Investoren oder durch staatliche Kredite, die sonst in Form von Sozialausgaben fließen würden. Flüchtlingsbanken wurden schon nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet, wie etwa die Vertriebenen-Bank AG, die später umgewandelt wurde in die Lastenausgleichsbank. Diese hatte die Aufgabe, über Bürgschaften und Kredite Existenzgründungen zu ermöglichen.

Die Genossenschaft kann darüber hinaus als organisatorisches Dach dienen. Ein Dach, unter dem Helfer und Flüchtlinge – Ingenieure, Handwerker, Übersetzer, aber ebenso Ungelernte – alleine oder in Zusammenarbeit mit Partnern, gemeinsam geführte Unternehmen gründen: Ingenieursbüros oder Handwerksbetriebe, Übersetzungsagenturen oder Import-Export-Unternehmen. In solchen Genossenschaften gäbe es auch viele Gelegenheiten, um Ausbildungswillige und Unternehmen zusammen zu bringen. Vorbildhaft dafür, wie so etwas organisiert werden kann, ist das Projekt ChancenNutzer aus Frankfurt, welches Menschen mit Migrationshintergrund hilft, aus der Arbeitslosigkeit heraus zu gründen.

Historisches Vorbild Schulze-Delitzsch

Der Genossenschaftsgedanke ist in Deutschland wahrlich weder neu noch gar fremd. Schon im Zuge der Industriellen Revolution, in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts, entwarfen Hermann Schulze-Delitzsch und seine Mitstreiter die Idee der Genossenschaft: “Der Weg, auf den die Genossenschaften ihre Mitglieder hinweisen, ist der Weg des Emporkommens durch eigene Tüchtigkeit.”

Nach dem Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe gründeten landlose Bauern und Handwerker Kreditgenossenschaften, die Vorläufer der heutigen Volksbanken. Die Genossenschaft wurde als unternehmerische Rechtsform ins Leben gerufen, um es Handwerkern in prekären Lebenslagen zu ermöglichen, als gemeinsames Unternehmen zu agieren. Auch vor 150 Jahren haben es Menschen geschafft, sich in Form gegenseitiger Solidarität ein selbstbestimmtes Leben zu errichten. Nicht anders als den heutigen Flüchtlingen fehlte es diesen Menschen an Landbesitz und Eigentum. Nur mit ihren eigenen Fähigkeiten und dem Willen zum Aufstieg ausgestattet waren sie bereit, das eigene Schicksal beim Schopfe zu packen und dem Elend aus eigener Kraft zu entfliehen. Die Rolle des Staates sollte dabei stets darauf beschränkt sein, den rechtlichen Rahmen zu schaffen und Restriktionen abzuschaffen. So verteidigte auch Schulze-Delitzsch stets die Ideen von Eigenverantwortung und Selbsthilfe gegen die Versuche staatlicher Vereinnahmung.

Selbsthilfe und Eigenverantwortung hilft

Welche Möglichkeiten die Genossenschaften auch ungelernten Flüchtlingen heute schon bieten, zeigt unter anderem ein Beispiel aus den USA: Auf der Gila Farm arbeiten 27 Flüchtlinge aus unterschiedlichen Ländern, darunter Irak, Usbekistan und Somalia, gemeinsam auf einer Farm und produzieren nachhaltig angebautes Gemüse für den lokalen Markt.

Historische und heutige Beispiele der Genossenschaft zeigen: Selbsthilfe wirkt. Selbsthilfe und Eigenverantwortung werden den Problemen des Einzelnen besser gerecht als staatlich gesteuertes Flüchtlingsmanagement. In Zeiten, in denen die Kapazitäten staatlicher Verwaltung an ihre Grenzen stoßen, gilt es umso mehr, den Einzelnen und die freie Kooperation der solidarischen Selbsthilfe zu stärken. (Erstveröffentlichung im Blog von Prometheus – Das Freiheitsinstitut)

Über Mark Hokamp 4 Artikel

Mark Hokamp hat ein Bachelorstudium der Chinastudien absolviert und studiert momentan Rechtswissenschaften und Chinesisches Recht an der Universität Göttingen. Neben seinem Studium hat er in verschiedenen liberalen Thinktanks als Praktikant gearbeitet und veröffentlichte in diesem Zusammenhang Blogbeiträge und Publikationen zu vorwiegend wirtschaftlichen und politischen Themen.

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