Flüchtlinge: Weder Assimilation noch Integration sondern Freiheit

Deutsche, die an den Hauptbahnhöfen die Flüchtlinge mit Applaus begrüßt haben, und Deutsche, die sich durch sie bedroht fühlen, eint dieselbe Vorstellung: Kollektivismus. Dabei sind Flüchtlinge Individuen, die als Individuen behandelt werden müssen, so unser Autor Mark Hokamp. (Foto: Bwag)

Immer mehr Flüchtlinge setzen nach der Flucht vor Krieg, Armut oder nach Vertreibung einen Fuß auf europäischen, viele sogar auf deutschen Boden. In reflexartiger Haltung werden in ganz Europa Forderungen nach Integration laut, jedoch wird völlig vergessen, dass in Deutschland bereits seit drei Generationen ehemalige Gastarbeiter, ihre Kinder und Kindeskinder in einem deutschen Miteinander leben. Möglichst bald müsse die Sprache erlernt, die Menschen in den deutschen Arbeitsmarkt eingegliedert und vor allem in die Gesellschaft aufgenommen werden, so die Forderung.

Nachdem viele der Fliehenden alles aufgegeben, ihre Heimat verlassen oder gar Angehörige verloren haben, finden sie sich direkt in einer Art Bringschuld wieder. Die Bringschuld, die den Neuankommenden abverlangt wird, setzt voraus, dass ihnen irgendetwas fehlt, eine menschliche Charaktereigenschaft oder eine Fähigkeit, welche jedem Menschen – den man unter den Oberbegriff Flüchtling subsumieren kann – beigebracht werden muss, damit dieser sich in unserer deutschen Gesellschaft zurechtfinden, dieser gewachsen sein, wenn nicht sogar dieser Zugehörigkeit Wert sein kann.

Von einem stolzen Wir zu dankbaren Ihr

Sämtliche Gefühlsregungen angesichts der Millionen von Flüchtlingen sind zu beobachten, seien es euphorische Empfänge am Münchener Hauptbahnhof oder menschenverachtende Demonstrationen vor Flüchtlingsunterkünften und in Innenstädten. Beide zeugen von einem Gefühl des Hochmuts gegenüber den Ankommenden. Von einem stolzen Wir gegenüber einem in gewisser Weise niederen, zur Dankbarkeit verpflichteten Ihr. Auf der von Euphorie und Überschwang getränkten Seite steht zunächst der weltoffene Deutsche. Berufen dazu, den Flüchtlingen mit Wasser, einigen günstigen Süßigkeiten und einem ausrangierten Teddybären einen fast schon herablassend-freundlichen Empfang zu bereiten. So, als ob die Menschen dort noch nie zuvor etwas Süßes oder ein Spielzeug gesehen hätten.

Auf der anderen Seite hingegen der ausländerfeindliche Deutsche, gehüllt in den Mantel eines besorgten Bürgers. Besorgt deshalb, weil die eigene Kultur bedroht zu sein scheint. Bedrohung setzt voraus, die eigene Kultur zunächst als etwas Homogenes, Kollektives zu sehen.

Außerdem muss diese eigene Kultur als etwas Besseres, höher Stehendes wahrgenommen werden. Bedroht durch eine andere kulturelle Gruppe, die die eigene wie eine bedrohliche Welle wegzuspülen droht. Selbstverständlich ist die Willkommenskultur etwas Begrüßenswertes und soll dem rechten ausländerfeindlichen Gedankengut in keiner Weise gleichgestellt werden.

Aber in was integrieren?

Dennoch eint beide die Vorstellung von Kollektiven und nicht von Individuen. So wird dies auch von allen gemäßigten Ansichten zwischen diesen beiden Extremen vertreten. Dieses Denken von einer eigenen kollektiven und höherwertigen Kultur bricht sich Bahn in der Forderung nach Integration. Aber Integration in was und von wem? Dazu muss zunächst das scheinbar noch nicht integrierte Ihr definiert werden. Das sind folglich im jetzigen Moment die Flüchtlinge, die wiederum zu einem überwiegenden Teil muslimischen Glaubens sind.

Dann muss definiert werden in welche Form des kollektiven Zusammenlebens sich die Flüchtlinge zu integrieren haben, welche Charaktereigenschaften oder Einstellungen scheinbar abgelegt werden müssen, um einer Integration zum Erfolg zu verhelfen.

Dafür wiederum braucht es eine Instanz, jemanden der die Deutungshoheit darüber hat, was Integration ist und ab wann von gelungener Integration die Rede ist. Wofür soll Integration überhaupt Voraussetzung sein? An der Teilhabe? Ist diese überhaupt gewollt oder ist der Begriff der Integration nur ein Mittel, eine Gruppe von Bürgern zu Menschen zweiter Klasse zu degradieren, in denen man dem Kollektiv Eigenschaften und Einstellungen zuschreibt, die konträr zu einer vermeintlich liberalen Rechtsstaatsgesellschaft stehen.

Sippenhaft

Die Forderung nach Integration entspringt in zweifacher Hinsicht dem Kollektivdenken. Sie geht von homogenen Gruppen aus, die sich auf gemeinsame Werte geeinigt haben, und diese wiederum vom Staat durchgesetzt werden müssen. Die Ideen der Integration, der Assimilation und auch des Multikulti-Gedankens gehen von Kollektiven aus, von kulturellen Gruppen, die in ihren Weltbildern in sich geschlossen und nach außen abgeschlossen sind.

So werden Menschen in eine Art Sippenhaft der ihr zugeschriebenen Kultur genommen. Das Individuum wird stets unter ein gemeinsames Großgruppenkonstrukt subsumiert, aus dem es nicht mehr ausbrechen kann. Der Einzelne wird somit nur noch als Teil seiner Gruppe gesehen. Wer zu dieser Gruppe gehört, unterliegt der Deutungshoheit derjenigen, die Forderungen nach Integration, nach Anpassung, nach Assimilation aufstellen.

Ein Mensch ist dabei nicht mehr ein Mensch, ein Individuum, sondern ein Christ, ein Muslim, ein Flüchtling, ein Ausländer, ein Europäer. Das Wesen des Einzelnen, aktuell besonders des Flüchtlings, wird allein an der Zugehörigkeit zu einer kulturellen Gruppe festgemacht. Die Multidimensionalität des Ichs wird auf diese Weise einem jeden Individuum nicht mehr zugestanden. Ein Flüchtling kann zugleich Bruder, Mutter, Ehegatte, Angestellter einer Firma, Selbstständiger, Muslim, Christ, Atheist, Fußballkollege, ehrenamtlicher Helfer oder Homosexueller sein. Welche dieser Dimensionen der eigenen Persönlichkeit an welcher Stelle der individuellen Selbstbeschreibung steht, ist die eigene individuelle Entscheidung und ist nicht statisch.

Seiner Individualität beraubt

Es liegt somit in der persönlichen Entscheidungssphäre, wann ein Mensch sich in welcher Situation über welche persönlichen Eigenschaften definiert. Ob er sich über seine Religion, seine sexuelle Präferenz, seinen Beruf, sein Hobby definiert ist eines jeden Individuums eigene Entscheidung. Auch wie viel ein jeder davon nach außen kehren oder lieber als reine Privatsache verstehen möchte, liegt im Entscheidungsspielraum der Person. Nach den kollektiven Theorien hingegen wird es dem Einzelnen nicht mehr selbst überlassen, darüber zu bestimmen, wie er oder sie die Multidimensionalität seines eigenen Ichs gewichten möchte. Es obliegt der Deutungshoheit innehabenden Instanz – dem Staat. Der Mehrheitsgesellschaft. Ab wann ist jemand also Muslim? Ab wann ist ein Muslim ein integrierter Muslim? Aufgrund seines Herkunftslandes, der Häufigkeit des rituellen Gebets?

Nach diesen Kollektivtheorien von Integration und Assimilation wird jeder Mensch von Marokko bis Indonesien, von Somalia bis in die Türkei unter den Begriff „Muslim“ gefasst und so seiner Individualität beraubt. So macht man es sich als Kommentator des politischen Geschehens leicht, jeden, der unter das Wort „Flüchtling“ oder „Muslim“ zu subsumieren ist, zu einem Menschen zu degradieren, der erst nach einem erfolgreichen Integrationsprozess zu voller Wertigkeit kommt und die für eine Integration scheinbar notwendige angemessene Zusammensetzung und Gewichtung der verschiedenen Dimensionen seiner Persönlichkeit zu beweisen hat.

Schamlos vor dem bestehenden Antisemitismus

Den Versuch, die Frage nach dem Wesen der Aufnahmegesellschaft zu beantworten, unternahm man zu Beginn dieses neuen Jahrtausends. Die Debatte um eine Leitkultur begann, wobei die Befürworter sich eine deutsche Leitkultur wünschten. Worin man sich als Zugezogener überhaupt zu integrieren hatte, blieb dabei im Unkonkreten. Diejenigen, die in diesem Zusammenhang Leitkultur als Integrationsvoraussetzung fordern, versuchten und versuchen, maßen sich in gewisser Weise an, ein gemeinsames Wertegefüge für alle festzulegen. Sie unterstellen dabei, dass das Wertegefüge, das sie als für sich prägend definieren, eines ist, das auch sämtliche, schon jetzt in unsere Gesellschaft Geborenen teilen würden. Kurzum: Es wird der gleiche verkürzende Schluss gezogen, wie dies schon im Hinblick auf die Zuwanderer zu sehen ist.

Gern wird auch das Konstrukt einer christlich-jüdischen Tradition des Abendlandes herangezogen, um jeden Europäer, der in den vergangenen Jahrhunderten auf diesem Kontinent gelebt hat, unter ein einziges Großgruppenkonstrukt zu subsumieren und auf diesem Wege eine Abgrenzung zu der als Großgruppe vermeintlich so verschiedenen Gemeinschaft der Muslime zu errichten. Dass nun ausgerechnet das jüdische Leben, das selbst über Jahrhunderte von jeglicher gleichberechtigten Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ausgegrenzt war, mit herangezogen wird, erscheint nicht nur angesichts des Holocausts und des nach wie vor bestehenden Antisemitismus schamlos.

Über Jahrhunderte verbot man Menschen jüdischen Glaubens die Ausübung bestimmter Berufe per Gesetz. Es waren aber nicht allein die Gesetze, welche das Individuum auf sein Jüdisch-Sein beschränkte und es so ausschloss, sondern auch die unsichtbaren Schranken, die gesetzlich nicht festgeschrieben waren. Um Zugang zu bestimmten akademischen Kreisen erlangen zu können, standen viele Juden vor schmerzlichen individuellen Entscheidungen. Die illiberale und kollektivistische Haltung der deutschen gehobenen Kreise brach sich Bahn in der Forderung nach Assimilation, was nichts anderes bedeutet als der indirekte gewaltsame Zugriff und Zwang gegenüber Individuen jüdischen Glaubens.

Konversion zum Christentum?

Zwang dahingehend, dass sich nicht wenige dazu entscheiden mussten, Teile ihrer Persönlichkeit aufzugeben. So war die Konversion zum Christentum ein Weg, sich der Mehrheitsgesellschaft anzupassen. Der Versuch der Bildung dualistischer Gegensatzpaare von vermeintlich liberaler deutscher Gesellschaft zu einer per se illiberalen rückständigen Einwanderergeneration der Muslime zerstört das Individuum, wie schon der Individualismus von einem vermeintlichen Deutschtum im Gegensatz zum Judentum begraben wurde. Wie dann zusammenleben?

Stellen wir uns also folgendes Idealbild einer freiheitlichen Gesellschaft vor: Man denke an eine S-Bahn, in der eine Muslima in Vollverschleierung neben einem Nudisten sitzt, gegenüber ein streng orthodoxer Jude mit einer lesbischen evangelischen Pfarrerin und ihrer Partnerin. Voraussetzung dafür ist, dass jedes Individuum in einer Gesellschaft die Relativität seiner eigenen Glaubens- und Wertüberzeugungen anerkennt. Der gemeinsame Nenner muss wieder der sein, dass jeder Mensch sein Leben frei an seinen individuellen Präferenzen ausrichten darf. Der gemeinsame Nenner muss sein, jedes Individuum vor dem Zugriff in seinen eigenen Lebensbereich zu schützen.

Angelehnt an die Idee des Tatstrafrechts und nicht des Täterstrafrechts, muss eine wahrlich freiheitliche Gesellschaft nicht den Menschen beurteilen und sanktionieren, sondern nur die Taten. Und auch in diesem Zusammenhang sind nur Taten zu sanktionieren, die unter Zwang in den Lebensbereich anderer Menschen eingreifen. Ein jeder in dieser freiheitlichen Gesellschaft sollte das Recht und den Anspruch darauf haben, in der Gänze seiner individuellen Persönlichkeitszusammensetzung akzeptiert zu werden, solange man von jedem Individuum verlangen kann, auch sämtliche, der eigenen Norm zuwiderlaufenden Handlungen zu akzeptieren.

Teil unserer Freiheit ist absoluter Schutz vor Zugriffen

Jemand kann in seinem Wesen so strukturkonservativ sein, wie er oder sie das für angemessen hält, solange nicht der Anspruch besteht, dass sich andere seinem Verhalten anzupassen hätten. Dies gilt für sämtliche Ausformungen des menschlichen Lebens, für jeden Glauben, jede sexuelle Orientierung, jede Sprache, die ein Mensch gerne sprechen möchte in seinem eigenen Umfeld. Aber Integration und Assimilation bedeuten eben diesen Zwang, diesen Eingriff in den Lebensbereich.

Teil unserer Freiheit ist es, als Individuum absoluten Schutz vor sämtlichen Zugriffen von anderen zu erfahren und unsere eigenen Wertvorstellungen so voller Stolz tragen zu können, wie wir es wünschen. Teil unserer Freiheit ist es aber auch, uns selbst nicht ganz so wichtig zu nehmen, uns nicht so wichtig und allwissend zu fühlen, dass wir uns dazu berufen fühlen, anderen unsere Werteschema aufzuzwängen, wie es die Assimilation, wie es aber auch die Integration tut. Integration in eine wahrlich freiheitliche Gesellschaft bedeutet für uns alle, die wir in diesem Land und auf diesem Planeten leben, den Anspruch aufzugeben, Zugriff auf die Lebensgestaltung anderer Menschen zu haben. Integration in eine freiheitliche Gesellschaft bedeutet, die Forderung nach Integration aufzugeben.

 

Über Mark Hokamp 4 Artikel
Mark Hokamp hat ein Bachelorstudium der Chinastudien absolviert und studiert momentan Rechtswissenschaften und Chinesisches Recht an der Universität Göttingen. Neben seinem Studium hat er in verschiedenen liberalen Thinktanks als Praktikant gearbeitet und veröffentlichte in diesem Zusammenhang Blogbeiträge und Publikationen zu vorwiegend wirtschaftlichen und politischen Themen.

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