De-Radikalisierung: Start Up statt Kalaschnikow

Foto: Naval History & Heritage Command

Islamischer Staat, kurdische Peschmerga oder der Bürgerkrieg in Ukraine – Berichte über junge Menschen aus Europa, die losziehen, um an einem Krieg teilzunehmen, häufen sich. Unser Autor Mark Hokamp hat einen ungewöhnlichen Vorschlag: ihnen helfen, ein Unternehmen zu gründen. Aus einem einfachen Grund nämlich.

Wir leben momentan in Zeiten, in denen Kriege und Terrorismus wieder näher heranrücken an Europa. An ein Europa, das von sich selbst das Bildnis einer Insel der Demokratie, des Rechtsstaats und des wirtschaftlichen Wohlstands pflegt. In Syrien indes herrscht blutiger Bürgerkrieg. Ebenso wie im Osten der Ukraine. Während die Konfliktparteien zwar zu dem überwiegenden Teil reguläre Truppen sind, speist sich ein großer Teil dieses Krieges auch aus verschiedenen Kämpfern, die aus einem eigentlich wohlhabenden Europa kommen. Ein Europa, in dem sie keine Verfolgung, keinen Krieg, keinen Hunger zu fürchten haben.

Wenn Terror und Krieg Sinn im Leben geben

Das macht es lohnenswert, sich über einen Aspekt möglicher Ursachen Gedanken zu machen. Natürlich kann man Menschen, die sich entscheiden in einen Krieg zu ziehen, der sie persönlich nicht einmal bedroht. Sei es als Kämpfer des IS, auf Seiten der kurdischen Peschmerga oder anderer Bürgerkriegsparteien. Oder sei es als ausländischer Kombattant im Osten der Ukraine.

Die Ursachen für einen solchen Entschluss mögen multifaktoriell sein: Abhängig vom persönlichen Bezug der Kämpfer zu dem Konfliktherd aber auch abhängig von der individuellen persönlichen Lebenslage. Einer der möglichen Ursachen für den Entschluss, in einen Krieg zu ziehen, der nicht abhängig ist von einem speziellen kulturellen Hintergrund, kann indes auch das Problem mangelnder Selbstwirksamkeit sein.

Die Theorie von der Selbstwirksamkeitserwartung

Im Jahre 1970 entwickelte der Psychologe Albert Bandura das Konzept der sogenannten Selbstwirksamkeitserwartung. Er beschreibt damit die Erwartung von Personen, durch eigene Fähigkeiten gewünschte Handlungen ausführen und Herausforderungen meistern zu können. Er beschreibt zudem die innere Überzeugung und den Wunsch von Individuen, gezielt Einfluss auf Dinge in der Welt nehmen zu können, die sogenannte Kontrollüberzeugung.

Dabei korreliert eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung zugleich mit hohen Ansprüchen an die eigene Person.

Verschiedene Quellen können hierbei Einfluss auf die Selbstwirksamkeitserwartung nehmen. Eigene Erfolgserlebnisse können erstens das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten stärken. Aber auch Misserfolge können in dieser Hinsicht zu Rückschlägen führen und das Vertrauen in die eigene Selbstwirksamkeit schädigen.

Auch gutes Zureden würde das Vertrauen in die eigene Person und damit die Selbsterwartung stärken, soweit die Erwartungen, die darüber geweckt werden nicht unrealistisch hoch sind. Dann kann selbst gutes Zureden demotivierend wirken. Weiterhin sind Vorbilder, die den eigenen Fähigkeiten am ehesten entsprechen wichtig für eine entsprechende Selbstwirksamkeitserwartung.

Kann man sich mit den Erfolgen anderer identifizieren, so scheint es auch für einen selber realistischer, bestimmte Ziele zu erreichen. Auch hier kann es allerdings wieder zu einer umgekehrten Reaktion kommen. Haben Menschen von ähnlichen Fähigkeiten im eigenen Umfeld Misserfolge oder scheitern im Leben, so untergräbt das wiederum auch die Fähigkeiten in die eigene Selbstwirksamkeitserwartung.

Zerstören ist leichter als Aufbauen

Wenn wir uns also einen jungen Menschen vorstellen, dann mag die Ursache oft ein Identitätsproblem sein. Aber selbst solche Menschen, die eine gefestigt Persönlichkeit zu haben scheinen, stehen gemäß der Theorie von der Selbstwirksamkeit vor dem Problem, sich selbst als nicht wirksam wahrzunehmen. Wenn ein junger Mann, meist sind es ja junge Männer, eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung hat und diese nicht erfüllt werden kann in seinem nächsten Umfeld, wenn niemand da ist, der ihm gut zuredet und wenn Freunde und Bekannte, die als Vorbilder dienen können, größtenteils Misserfolge aufweisen, dann bricht sich die Selbstwirksamkeitserwartung in anderen Dingen Bahn.

Wenn sich also Selbstwirksamkeit im konstruktiven Sinne, wie zum Beispiel in einer guten Beziehung, einem erfüllenden Beruf oder einer eigenen Wohnung, einem eigenen Haus nicht umsetzen lässt, droht die Gefahr, dass eben diese ausreisenden jungen Männer den Wunsch nach Selbstwirksamkeit im Sinne einer destruktiven Handlung umsetzen. Schlicht: Wenn der Aufbau des eigenen Lebens nicht funktioniert, gibt es noch stets die Möglichkeit der Zerstörung als Gegenpart der Selbstwirksamkeit.

Die Zerstörung und Sprengung ganzer Tempelanlagen, die Aussicht auf ein eigenes Haus, dass der IS zu versprechen scheint, und nicht zuletzt die Ermordung von Menschen auf welche Weise auch immer, sind Ausflüsse dieses inneren Dranges. Resultate sind direkt sichtbar. Sie erfordern keine weiteren Anstrengungen oder Fähigkeiten, außer an den Ort des Geschehens, dem Bürgerkriegsland zu fahren und sich dort der Maschinerie hinzugeben. Es ist der scheinbar leichte Weg.

Wenn dieser dann noch durch Nationalismus oder einen vermeintlichen Kampf in Gottes Namen legitimiert ist, umso besser. Doch ist der Extremismus, egal ob im kommunistischen, nationalen oder religiösen Sinne immer nur das Ventil und eine vermeintliche Lösung. Eine große Ursache ist ein, aus der Sicht der Handelnden, Mangel an sonstigen Möglichkeiten an Selbstwirksamkeit.

Herausforderung für unsere Gesellschaft

Wie also gehen wir in Zukunft damit um, dass die Möglichkeiten Selbstwirksamkeit zu beweisen mit einer steigenden Spezialisierung, Technisierung und Digitalisierung unseres Wirtschaftssystems an immer größere Hürden geknüpft sind? So muss sich ein Leben im Idealfall über den gesamten Verlauf der Schule und des Studiums in ruhigen Bahnen befinden, in kontinuierlicher Konzentration und Selbstdisziplin, um später die Möglichkeit zu eröffnen, einen Beruf so frei wählen zu können und Selbstwirksamkeit entfalten zu können.

Mit steigenden Anforderungen an die individuelle Leistungsfähigkeit, steigt auch die Zahl derjenigen, die möglicherweise daran zerbrechen. Wenn es nicht gelingt, diesen Menschen alternative Möglichkeiten aufzuzeigen und ihnen das nötige Selbstbewusstsein zu geben, daran nicht zu zerbrechen, wird es immer Menschen gebe, die aus der Gesellschaft ausbrechen, in der sie scheinbar keine Möglichkeit der Selbstwirksamkeit sehen können. Tun wir dies nicht und sind wir uns als Gesellschaft nicht über diese Ursache bewusst, wird es stets Menschen geben, die auf der Suche nach Selbstwirksamkeit den Weg des Terrorismus, der Gewalt und des Krieges gehen werden, im großen wie im kleinen Maßstab.

Warum nicht Unternehmer werden

Wie also können diese Aggressionen, dieser tiefe innere Drang Selbstwirksamkeit zu entfalten anders kanalisiert werden. Dieser Drang nach Selbstwirksamkeit kann am ehesten mit dem eines Unternehmers verglichen werden. Die Teilnahme an einem Bürgerkrieg und die Hinwendung zu extremistischen Bewegungen haben mit Unternehmertum selbstverständlich in ihren Effekten überhaupt nichts gemeinsam und wiedersprechen sich aufs extremste.

Die Motive, die aber zu beidem animieren, sind sich ähnlich: Selbstwirksamkeitserwartung in seiner ausgeprägtesten Form. Warum nutzen wir nicht die momentane Startup-Euphorie, und bringen junge Männer, die kurz davor sind, sich der einfachen Möglichkeit hinzugeben, in ein Bürgerkriegsland zu reisen und an einem Krieg teilzunehmen und gut ausgebildete Jungunternehmer zusammen. Eine Art Mentorenprogramm muss das Ziel sein. Im Idealfall Menschen, die einen ähnlichen Hintergrund haben, Menschen, die die Probleme des Mangels an Selbstwirksamkeitserwartung im konstruktiven Sinne nachvollziehen können und somit ein positiver Motivator sind.

Über Mark Hokamp 4 Artikel
Mark Hokamp hat ein Bachelorstudium der Chinastudien absolviert und studiert momentan Rechtswissenschaften und Chinesisches Recht an der Universität Göttingen. Neben seinem Studium hat er in verschiedenen liberalen Thinktanks als Praktikant gearbeitet und veröffentlichte in diesem Zusammenhang Blogbeiträge und Publikationen zu vorwiegend wirtschaftlichen und politischen Themen.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


*